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EDITORIAL

Prüfung: Wer sich ewig bindet …

JUVE Verlag

Jörn Poppelbaum und Catrin Behlau

Michel Barnier soll das Unmögliche möglich machen. Doch als EU-Beauftragter für den Brexit ist sein Erfolg alles andere als gewiss. Und mit einer seiner vorherigen Missionen ist Barnier schon vor Jahren gescheitert: Als EU-Kommissar wollte er nach der Finanzkrise die Macht der Big Four brechen, die seiner Meinung nach eine Mitschuld am weltweiten Kollaps infolge der Lehman-Pleite traf. Ein Kern seiner Überlegungen: die Trennung von Abschluss­prüfung und Steuerberatung. 

Zehn Jahre später ist die Diskussion wieder entbrannt. Schuld daran sind der Bilanzskandal des britischen Baudienstleisters Carillion und hierzulande nun die Wirecard-Pleite. Das Absurde: An sich gibt es in Deutschland niemanden, der Wirecard-Prüfer Ernst & Young ernsthaft vorwirft, aufgrund seiner Beratungstätigkeit beide Augen bei der Bilanzprüfung des Finanzdienstleisters zugedrückt zu haben. Und doch liegen die Pro- und Contra-Argumente wieder auf dem Tisch, wie sich an der Debatte in unserer Frage des Monats zeigt.

Für die Gegner der Trennung ist klar, dass sich beide Bereiche inhaltlich befruchten und Beratungs- und Prüfungsqualität verbessern können. Klar ist aber auch: Um die immensen Anforde­rungen von Prüfungen kapitalmarkt­orientierter Unternehmen stemmen zu können, sind Beratungseinnahmen eine willkom­mene (Quer-)Finanzierungsquelle. Und: Eine Möglichkeit, die Konkurrenz außen vor zu lassen.

In Deutschland dominieren den Prüfungsmarkt die größten zehn Prüfungs- und Beratungshäuser. Und ihr Abstand auf die Wettbewerber wird immer größer, wie unser Titelartikel Markt­lücke zeigt. Den Verfolgern – wenn man sie denn noch so bezeichnen will – bleibt mittlerweile kaum noch etwas übrig, als ihr Heil in der Steuerberatung zu suchen. Und dennoch wollen auch diese Gesellschaften die Prüfung nicht ganz einstampfen. Denn ihr Geschäftsmodell sieht vor, mittelständische Mandanten über den Weg der noch erlaubten Prüfung dauerhaft auch mit Beratungsleistungen versorgen zu können. Der Artikel zeigt Kanzleien, die perspektivisch dagegen auf steuerliches Spezialgeschäft setzen. Denn sie wollen nicht irgendwann als Häuser dastehen, die zwar alles, aber nichts richtig machen.

Jörn Poppelbaum
joern.poppelbaum@juve.de

Catrin Behlau
catrin.behlau@juve.de

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