Artikel drucken
14.09.2018

Interview: „Ich wollte nie Schiedsrichter, sondern immer Spieler sein“

Es ist Ende August, als sich Michael Sell nicht nur in die Sommerpause, sondern auch von seinen Kollegen im Bundesfinanzministerium verabschiedet. „Es gehört zur Geschäftsgrundlage politischer Beamter, dass sie im Rahmen von Regierungswechseln – insbesondere in politisch sensiblen Abteilungen – in den Ruhestand versetzt werden“, schreibt er in seiner Abschiedsmail.

Michael Sell

Michael Sell

Für den 60-jährigen Sell bedeutet das: Nach fast 25 Jahren in der Verwaltung und immerhin sechseinhalb Jahren als Chef der Steuerabteilung gibt er die Leitung ab. Sein Nachfolger wird Dr. Rolf Möhlenbrock, der bisher als Unterabteilungsleiter unter anderem für die Einkommen- und Unternehmenssteuern zuständig war.

Zu den Hintergründen seines Ausscheidens hat JUVE Steuermarkt mit Sell gesprochen.

JUVE Steuermarkt: Als Abteilungsleiter mit CDU-Parteibuch müssen Sie im Rahmen des Regierungswechsels die Leitung der Steuerabteilung abgeben – ist das einfach das Schicksal des politischen Beamten?
Michael Sell: Das ist kein Schicksal, sondern die vom Gesetzgeber gewollte Möglichkeit des Ministers, zentrale Arbeitseinheiten seines Hauses mit Personen zu besetzen, die sein politisches Vertrauen besitzen und zwar unabhängig von einer persönlichen Wertschätzung. Meiner Erfahrung nach spielt „das Parteibuch“ keine Rolle – ich habe wesentliche Karriereschritte unter dem jetzigen Bundespräsidenten in seiner damaligen Funktion als Chef des Bundeskanzleramtes erfahren. Ich glaube, es geht eher um Grundhaltungen zu den jeweiligen politischen Themen.

Begonnen haben Sie ihrer Karriere in einer großen Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, haben aber bereits angekündigt, nicht mehr in eine Beratungsgesellschaft wechseln zu wollen. Warum?
Objektiv: Es gibt in Deutschland hochqualifizierte Gestaltungsberater, die sich seit Jahrzehnten damit kompetent beschäftigen. Das Arbeitsgebiet beherrschen andere deutlich besser. Subjektiv: Themen steuerlicher Optimierung haben mich nie innerlich begeistert. Ich bin nicht ohne Grund 1993 in die Finanzverwaltung gewechselt.

Mit gerade mal 60 werden Sie in den Ruhestand versetzt, da werden Sie in den kommenden Jahren sicher nicht untätig bleiben. Was würde Sie herausfordern?
Ich wollte nie Schiedsrichter, sondern immer Spieler sein. Mein Interesse galt schon immer dem gepflegten Streit sowohl in der steuerpolitischen Auseinandersetzung als auch im Gerichtssaal. Ich möchte daher wie zu Beginn meiner Berufstätigkeit wieder forensisch arbeiten, sowohl im Straf- als auch im Steuerrecht. Dies gilt auch für den Bereich der Nebenklagen, also der Vertretung von Opfern im Strafprozess.

In ihrer Abschiedsmail sprechen Sie auch von den Themen, die Sie in den vergangenen Jahren begleitet haben – unter anderem die Modernisierungen wie Reisekostenreform, den Abbau der kalten Progression, das BEPS-Projekt, die Investmentsteuerreform. Was war im Rückblick ein Herzensprojekt, auf das Sie gerne zurückschauen?
Die Berücksichtigung der kalten Progression im Rahmen der Anpassung des Einkommensteuertarifs war überfällig. Das Gelingen der Reform lag unter anderem daran, dass es in diesem Zeitraum nur eine minimale Inflation gab. Die Bedeutung dieses Politikwechsels wird sich aber selbst bei einer jährlichen Inflation von 2 Prozent auf der Zeitachse spürbar zeigen. Mit dem alle zwei Jahre zu erstellenden Bericht zur kalten Progression kommt das Thema immer wieder auf die politische Tagesordnung. Zudem fand in den letzten Jahren ein Mentalitätswechsel statt: Steuerhinterziehung als Straftat oder unbegrenzte Steuervermeidung als Gestaltungsziel sind nicht mehr „cool“. Daran durfte ich mitwirken.

Gibt es – auch angesichts Ihrer Erfahrungen mit den Ermittlungen zu den Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäften – einen Ratschlag, den Sie der Beraterbranche mit auf den Weg geben wollen?
Die Beraterbranche braucht meinen Ratschlag nicht. Lassen Sie mich aber eine Erfahrung nennen. Von ganz wenigen Fällen abgesehen (unter anderem Cum-Ex-Fälle) geht die Initiative zur Steuerverkürzung nicht vom Berater aus. Manchmal muss der Berater den eigenen Mandanten vor sich selbst schützen. Wer in der Gestaltungsberatung nicht die Kirche im Dorf lässt, darf sich über die Gegenreaktionen des Gesetzgebers oder das Klima in  Betriebsprüfungen nicht wundern.

Gibt es etwas, was Politik und Verwaltung aus dem Dilemma um die „Steuervermeidungs“-Geschäfte lernen können?
So wie es Mindeststandards im Umweltbereich und bei den Arbeitsbedingungen gibt, sollte es bei unternehmerischer Tätigkeit Mindest- aber auch Höchststeuerbelastungen geben. Unbegrenzter Steuerwettbewerb oder das Drehen an der Steuerschraube ohne zwingende (!) Gründe schaden allen Staaten. Bis zur Etablierung von ertragsteuerlichen Tariftunneln ähnlich denen der Umsatzsteuer benötigen wir etwas, was man im Englischen als „Tax  Intelligence“ bezeichnet, also das systematische und permanente Aufspüren von Besteuerungslücken. Es gilt, das Geschäftsmodell der „Gestaltungsberater“ aus Sicht des Fiskus zu betreiben.

Was wird Ihre letzte Amtshandlung sein?
Ich werde mit dem fachlich zuständigen Kollegen das dem Verfahren beigetretene Bundesfinanzministerium vor dem Bundesfinanzhof in einem Fall zur Gemeinnützigkeit vertreten.

Das Gespräch führte Ulrike Barth.

  • Teilen