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11.03.2019

„Wir sehen starke globale Veränderungen“: Interview mit den EY-Partnern Robert Böhm und Richard Albert

Vom Brexit bis zum US-Handelskonflikt mit der EU: Robert Böhm und Richard Albert von Ernst & Young haben mit der Zoll- und Verbrauchsteuerberatung derzeit alle Hände voll zu tun. Mit JUVE Steuermarkt sprechen sie darüber, welche Themen die beiden besonders intensiv beschäftigen. Böhm, seit 2008 Partner bei EY in Düsseldorf, leitet die Zoll- und Verbrauchsteuerberatung für die Region Deutschland, Österreich und die Schweiz. Richard Albert ist seit 2018 Partner im Leipziger EY-Büro.

Robert Böhm

Robert Böhm

JUVE Steuermarkt: Herr Böhm, Herr Albert, Zollthemen gibt es derzeit reichlich. Nehmen wir nur den Brexit oder den US-Handelskonflikt mit der EU und China. Haben Sie so eine turbulente Zeit schon mal erlebt?
Böhm:
Wir sehen derzeit einschneidende globale Veränderungen und Entwicklungen. Die Medien werden aktuell durch den Brexit und den US-Handelskonflikt dominiert. Daneben haben aber auch die Entwicklung der Beziehungen zu Russland oder zum Iran erhebliche Auswirkungen auf den Außenhandel. Restriktionen des internationalen Waren- und Dienstleistungsaustauschs werden weltweit wieder als Druckmittel für politische Interessen eingesetzt. Das Beratungsgeschäft lebt natürlich davon, die Mandanten bei der Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen zu unterstützen. Persönlich sehe ich den zunehmenden globalen Protektionismus und auch die verstärkte Konzentration auf nationale Interessen innerhalb der EU mit Sorge.

Richard Albert

Richard Albert

Zu welchem Thema haben Sie zuletzt intensiver beraten: zum Brexit oder zum US-EU-Handelsstreit?
Böhm: Im Gegensatz zu den Strafzöllen im Handelsstreit zwischen der USA und der EU, die lediglich bestimmte Branchen betreffen, wirkt sich der drohende Brexit bereits jetzt auf viele tausend Unternehmen aus. Auch Unternehmen, welche selbst nicht im Vereinigten Königreich tätig sind oder keine direkten Handelsbeziehungen dorthin pflegen, sind betroffen. Der Brexit ist nach unserer Wahrnehmung daher das Thema, welches die Unternehmen intensiver beschäftigt. Bei vielen Unternehmen haben wir lange ein „wait and see“ beobachtet. Das ist angesichts der – auch zum jetzigen Zeitpunkt – bestehenden Unsicherheit über den zukünftigen Status durchaus nachvollziehbar. Es gibt aber auch Unternehmen, die frühzeitig strategische Maßnahmen in die Wege geleitet haben. Mit diesen haben wir verschiedene Ansätze diskutiert, von der Verschiebung von Liefer- und Wertschöpfungsketten, über geänderte Lagerkonzepte bis hin zu neuen Verzollungskonzepten.
Albert: In der Tat war der Umsetzungswille bei vielen Unternehmen angesichts der Unsicherheit zunächst gering ausgeprägt. Nach dem Motto: „So verrückt kann man doch gar nicht sein, ohne Abkommen aus der EU auszutreten.“ Viele haben gehofft, dass das Vereinigte Königreich entweder vom Brexit zurücktritt oder bei einer Einigung auf das Austrittsabkommen zumindest bis Ende 2020 Zeit für Vorbereitungen bleibt. In der nun bis Ende März 2019 verbleibenden Zeit können nur noch Notfallmaßnahmen ergriffen werden. Wobei aktuell wieder in Rede steht, dass ein Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU um bis zu zwei Jahre hinausgeschoben werden könnte. Viele Unternehmen verfolgen den Ansatz, dass sie zuerst Erfahrung mit der Situation sammeln wollen, wenn das Vereinigte Königreich bei einem harten Brexit den Status eines Drittlands annimmt.

Steuern wir beim Brexit auf ein Zoll-Chaos zu?
Böhm:
Bei einem Brexit ohne Austrittsabkommen wird es zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Zollabfertigung kommen. Die beteiligten Zollverwaltungen diskutieren gerade unterschiedliche Maßnahmen. So will die britische Zollbehörde HMRC zunächst eine vereinfachte Zollabwicklung zulassen. Zollanmeldungen können vorerst mit reduziertem Datensatz abgegeben, Einfuhrabgaben aufgeschoben werden. Angesichts von 200 Millionen zusätzlich erwarteten Zollanmeldungen bei der Einfuhr von Waren ins Vereinigte Königreich halte ich dies jedoch für nicht ausreichend. Auch die erhebliche Personalaufstockung bei der deutschen Zollverwaltung wird nicht sofort wirksam. Egal ob im Rahmen eines Hard Brexit oder nach einer Übergangsfrist: das Vereinigte Königreich wird durch den Brexit zum Drittland und die dadurch neu entstehende Zollgrenze ist für die Unternehmen mit zusätzlichen Kosten, Verzögerungen und administrativem Aufwand verbunden.

Was raten Sie den Unternehmen in dieser Situation?
Böhm: Aufwändige Lösungen, etwa die Verlagerung von Lieferwegen, können sie bis Ende März nicht mehr umsetzen. Einige Unternehmen sind jedoch frühzeitig aktiv geworden. Diese Unternehmen importieren ihre Ware aus Asien über Häfen in Südeuropa und vermeiden die Zollabwicklung in den Häfen in Nordeuropa, die mit den zollrechtlich abzufertigenden Warenvolumen aus Großbritannien belastet sein werden. Unseren Mandanten empfehlen wir derzeit vorrangig kurzfristig umzusetzende Maßnahmen.
Albert: Diese Kurzfristmaßnahmen zielen darauf ab, die betrieblichen Prozesse vorzubereiten. Die Unternehmen müssen etwa die Anpassung von Stammdaten, Dokumentenvorlagen und Steuerschlüsseln vorbereiten. Aus Supply Chain Sicht sind kritische Materialien zu analysieren, damit deren Bestand frühzeitig erhöht wird. Auch die Sicherung von Frachtraum und die Verfügbarkeit von Lager und Kühllagerraum kann entscheidend sein. Grundsätzlich müssen bis zum „Tag X“ die im Außenhandel relevanten Prozesse im Unternehmen bzw. in Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern greifen. Dafür müssen alle relevanten Verträge mit Lieferanten, Kunden und diversen anderen Parteien überprüft wurden. Fast alle Unternehmen sind derzeit bestrebt, bestimmte Vertragskonstellationen nachzuverhandeln. Natürlich muss auch geprüft werden, ob die Inanspruchnahme besonderer Zollverfahren hilft. Um Zeitverzögerungen bei der Zollabfertigung zu reduzieren, ist etwa die Verlagerung der Handelsabwicklung ins Binnenland in Betracht zu ziehen. Doch auch da gibt es Hürden. Gerade kleinere Binnenzollämter sind auf einen Volumenzuwachs gar nicht vorbereitet.

Das Gespräch führte Stephan Mittelhäuser.

Das vollständige Interview mit Informationen unter anderem dazu, wie Böhm und Albert die aktuelle US-Handelspolitik einschätzen und wie die Digitalisierung die Zollberatung verändert, lesen Sie im gerade erschienenen JUVE Steuermarkt 04/2019.

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