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24.04.2020

Verrechnungspreise: „Im streitigen Geschäft gibt es eine vorübergehende Delle“

Die Wirtschaft steht still und mit ihr internationale Lieferketten, Unternehmen schwenken von der Spirituosen- zur Desinfektionsmittelproduktion und von der T-Shirt- zur Maskenfabrikation: Corona hat enorme Auswirkungen auf die Verrechnungspreisberatung. Denn auch wenn für viele Unternehmen derzeit die akute Liquidität im Vordergrund steht, ist klar: Die nächste Betriebsprüfung kommt bestimmt. Und wer international für die Verluste aufkommt, ist auch noch nicht ausgemacht.

Oliver Wehnert

Oliver Wehnert

Nichts ist mehr, wie es noch vor ein paar Monaten war. „Die allermeisten Verrechnungspreis-Vereinbarungen, die für 2020 abgeschlossen wurden, sind derzeit hinfällig und bedürfen der Anpassung“, sagt Oliver Wehnert, Leiter Verrechnungspreise von Ernst & Young (EY). Das bedeutet: Die Berater sind derzeit sehr damit beschäftigt, die Richtlinien anzupassen und teilweise neu zu denken.

Heggmair_Maik

Maik Heggmair

„Verrechnungspreise basieren ja immer auf Vergleichsdaten, dem so genannten Fremdvergleichsgrundsatz,“ erklärt Maik Heggmair, Verrechnungspreispartner bei WTS in München, „und die Daten für die aktuellen Verrechnungspreissysteme sind in der Regel aus den Vorjahren. Das heißt, die sind natürlich für die aktuelle Krise überhaupt nicht mehr aussagekräftig.“ Die Berater sind zudem teilweise mit völlig neuen Fragen konfrontiert. „Wir erleben jetzt sogar Unternehmen, die ihren Gesellschaften im Ausland Geld zuschießen müssen – quasi Helikoptergeld. Da ist gar nicht geklärt, wie man damit auf internationaler Ebene rechtlich umgehen soll“, meint Heggmair.

Doch die Branchen seien unterschiedlich betroffen, sind sich Verrechnungspreisberater einig: Pharma läuft gut, die Automobilindustrie strauchelt – um nur zwei entgegengesetzte Pole zu nennen. Branchen, die heftig betroffen sind, so heißt es unter Experten, würden derzeit in Sachen Verrechnungspreise nur noch das Nötigste machen, laufende Betriebsprüfungen zu Ende führen und die nötige Compliance-Arbeit erledigen. „Nice-to-have-Projekte werden derzeit kaum gemacht“, so ein Verrechnungspreisberater, und spielt damit vor allem auf Themen wie „operational TP“ an, „solche Themen sind halt nicht die, an die Unternehmen gerade als Erstes denken – da geht es eher um ad hoc-Maßnahmen für die unmittelbare Liquidität“.

Kai-Uwe Bandtel

Kai-Uwe Bandtel

Streitigkeiten kommen zurück

Einig sind sich die Berater jedoch, dass die strategischen Fragen, wie rund um Corona mit Verrechnungspreisen umgegangen werden sollte, eine große Rolle spielen, wenn nicht unmittelbar, dann zumindest in der näheren Zukunft. Dr. Kai-Uwe Bandtel, Verrechnungspreispartner bei Rödl & Partner in München, kann derzeit jedenfalls noch keinen Auftragsrückgang feststellen: „Die Projekte laufen auf jeden Fall weiter – ich habe noch keines, das wegen Corona gestoppt wurde. Im Gegenteil: Krisenbedingt haben die Unternehmen gerade bei den Verrechnungspreisen erheblichen Handlungsbedarf. Und es ist auch klar: „Managementmaßnahmen, die in die Verrechnungspreise eingreifen, werden später in den Betriebsprüfungen verteidigt werden müssen.“

Axel Nientimp

Axel Nientimp

Aufgrund von Corona ist das streitige Geschäft für den Moment jedoch erst einmal zurückgefahren. „Da gibt es eine vorübergehende Delle“, bestätigt auch Prof. Dr. Axel Nientimp, Verrechnungspreispartner bei WTS in Düsseldorf. Kein Wunder, ist für viele Betriebsprüfer derzeit kaum eine geregelte Arbeit möglich, denn nur selten bekommen sie vom Homeoffice aus Zugriff auf die für sie relevanten Daten. Viele Steuerabteilungen sind derzeit ebenfalls nur zuhause erreichbar oder im schlimmsten Fall bereits in Kurzarbeit. Doch man sollte sich nicht zu sehr in Sicherheit wiegen: „Das Streitpotenzial wird wieder steigen, denn die Rechtsunsicherheit, die bislang durch unterschiedliche Anwendung des Fremdvergleichsgrundsatzes bestand, wird in einer Nach-Corona-Zeit wieder aufleben“, so Nientimp.

Und dann bleibt da ja auch noch die Frage, wie bilateral mit den Verlusten umgegangen wird. „Von den Gewinnen wollen die Staaten ja immer einen möglichst großen Anteil – die Verluste will keiner“, heißt es aus Verrechnungspreiskreisen, „das bedeutet für uns noch sehr viel Arbeit.“ (Catrin Behlau)

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