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15.05.2020

„Wir tragen Verantwortung für alle!“

Stuttgart, Köln und Nordamerika: Mazars war zuletzt auf Expansionskurs. Im Interview mit JUVE Steuermarkt erklärt Christoph Regierer (55), Mitglied des Group Executive Boards der Next-Ten-Gesellschaft, wie Mazars zu Corona-Zeiten arbeitet und warum man bei der Digitalisierung jeden Mitarbeiter mitnehmen  muss.

Christoph Regierer

Christoph Regierer

Wir führen dieses Interview über eine Konferenzsoftware aus dem Homeoffice – wie hat die Umstellung in Zeiten von Corona funktioniert?

Kurz bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel am 16. März die Maßnahmen verkündet hat, haben wir die gesamte Mazars-Infrastruktur innerhalb von zwei Tagen in die virtuelle Welt verlagert. 1.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind seitdem im Homeoffice. Aber das ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit. Wir sind, was die technische Infrastruktur angeht, sehr gut vorbereitet gewesen. Vor allem aber ist bemerkenswert, wie flexibel die Menschen sind. Das ist eine Erfahrung, die wir alle mitnehmen können: Wir können unseren Mitarbeitern viel mehr zutrauen und wissen oft gar nicht, was in ihnen steckt. Wie alle zusammen das bewältigt haben, als eine Gemeinschaft, das war schon toll.

Trotzdem bleibt es ja eine Krise. Viele Rechtsanwaltskanzleien haben bereits jetzt Konsequenzen gezogen, Taylor Wessing beispielsweise hat allen wissenschaftlichen Mitarbeitern gekündigt, viele Kanzleien streichen die Partnerentnahmen oder Boni. Wie sieht es bei Mazars aus?

Wir beschäftigen uns mit solchen Szenarien, das ist ja auch selbstverständlich. Die Herausforderung ist aber, dass wir einfach nicht wissen, wie groß die Krise sein und wie lang sie dauern wird. Das haben wir auch unseren Mitarbeitern in einer Osterbotschaft, für die wir ein Video mit dem gesamten Management aus dem Homeoffice aufgenommen haben, gesagt.

Was heißt das konkret?

Bis Corona waren wir sehr gut unterwegs und hatten auch unsere Halbjahresprognose für 2020 übertroffen. Und wir fahren weiterhin auf sehr hohem Niveau. Wir unterstützen unsere Mandanten bei der Bewältigung der Krise. Stand heute haben wir noch keine personellen Konsequenzen gezogen. Allerdings gibt es inhaltlich einige Umschichtungen, auf die wir reagieren müssen, je länger die Krise andauert.

Welche?

Das Consulting-Geschäft ist zum Beispiel stärker getroffen, auch die Transaktionen werden natürlich weniger. Dafür rücken Finanzierungsfragen in den Vordergrund. Auf der anderen Seite hat sich bewährt, dass wir – bereits vor Corona – das Arbeitsrecht als wichtiges Wachstumsfeld identifiziert und dort personell massiv aufgestockt haben. Dort gibt es natürlich derzeit enormen Beratungsbedarf, der auch ein Türöffner für andere Themen ist. Denn klar ist auch: Der Mandant heutzutage erwartet, gerade in einer Krisensituation, übergreifende Antworten und nicht nur Insellösungen. Wir fahren daher ganz bewusst einen interdisziplinären Beratungsansatz.

Gewachsen ist Mazars nicht nur im Arbeitsrecht, sondern auch in der Steuerberatung. In Stuttgart haben Sie mit dem Zusammenschluss mit Lohrmann Riehle Lätsch Durach & Partner und einem großen Konzernsteuerteam von WTS in Köln/München personell erheblich aufgestockt. Welche Strategie steckte dahinter?

In Stuttgart hatten wir vorher nur einen kleinen Standort überwiegend für Prüfungsthemen. Unsere Analyse hatte ergeben, dass wir nicht die richtige Größe hatten, um die Chancen, die sich dort in der Region bieten, auch ergreifen zu können. In Köln und München hatte die Vergrößerung einen anderen Schwerpunkt: Hier wollten wir uns vor allem inhaltlich verstärken, die steuerliche und steuerrechtliche Spezialisierung verbessern.

Neben dem personellen Wachstum war das andere Megathema bei Mazars in den vergangenen Jahren die Digitalisierung. Vor rund zwei Jahren haben Sie die ‚Vision 2020‘ ausgerufen. Jetzt haben wir 2020 – wo stehen Sie mit dem Projekt?

Digitalisierung der Steuerberatung ist ein sehr weites Feld. Eine Steuererklärung per E-Mail zu übermitteln, ist aus meiner Sicht noch lange keine digitale Steuerberatung. Da steckt viel mehr dahinter. Für mich heißt digitale Steuerberatung, dass man von überall auf die Daten zugreifen kann, digital mit dem Mandanten auf gemeinsamen Plattformen kommuniziert und Daten cloudbasiert verarbeitet. Da greifen interne und externe Digitalisierung ineinander. Mit diesen Themen haben wir uns intensiv beschäftigt. So haben wir seit etwa einem halben Jahr zum Beispiel eine Mandantenplattform. Heute können unsere Teams übergreifend diese Prozesse revisionssicher digital übergeben.

Sie haben dabei ganz bewusst einen eher holistischen Ansatz gewählt und seinerzeit betont, man müsse alle Mitarbeiter bei der Digitalisierung einbeziehen. Auf einen Chief Technology Officer haben Sie, anders als viele Wettbewerber, verzichtet. Würden Sie es wieder so machen?

Auf jeden Fall! Für diese digitalen Prozesse ist es elementar, alle mitzunehmen. Im Mittelpunkt müssen Technologie und die Menschen stehen. Wenn das nicht klappt, ist es kein digitaler Prozess. Und der geht von der Assistentin bis zum Partner. Wenn da nur ein Rädchen nicht greift, haben Sie kein System, sondern viele digitale Einzelprozesse.

Sie haben seinerzeit auch gesagt, ­Mazars sei kein IT-Haus und viel auf Kooperationen und Dienstleister wie beispielsweise Universal Units, Commercial Software oder Zapliance gesetzt. Mit Christian Würschinger von KPMG haben Sie nun einen Berater geholt, der auch Software entwickeln soll. Ist das eine Abkehr von der ursprünglichen Strategie?

Nein, es bleibt dabei. Wir sind kein IT-Haus. Ich sage immer: Wir können und wollen der Datev keine Konkurrenz machen. Wir werden jetzt nicht hingehen und ein Tool für Steuererklärungen programmieren oder etwas Besseres als die ERP-Systeme von SAP entwickeln wollen. Da muss man keine Zeit und kein Geld investieren. Wo Standardsoftware sinnvoll ist, nutzen wir sie auch. Aber was wir selbst machen, ist Mandanten eine technologische Infrastruktur und eine Plattform zur Verfügung zu stellen. Darauf müssen wir uns als Mazars konzentrieren. Und dazu gehört auch mal eine Programmierung.

Stichwort Internationales: Mit der North America Alliance hat Mazars im vergangenen Jahr einen großen Aufschlag gewagt und eine Allianz mit fünf nordamerikanischen Beratungsgesellschaften gegründet. Wie spüren Sie in Deutschland erste Auswirkungen?

Wir sind jetzt ein gutes Jahr in der ­Alliance, und vor allem bei Ausschreibungen für Prüfmandate sehen wir, dass wir als Mazars ganz anders wahrgenommen werden. Und auch in der Steuerberatung hilft uns das – wir können nun Mandanten mit wichtigen Strukturen in den USA ganz anders ansprechen und betreuen. Im Inbound-Geschäft sehen wir vor allem Potenzial bei der grenzüberschreitenden Strukturierung von Investitionen, auch in der Immobilienbranche, in der wir traditionell stark sind. Davon wird unser Berliner Immobiliensteuerteam sehr profitieren und hat auch schon profitiert.

Das Gespräch führte Catrin Behlau. Das komplette Interview lesen Sie im aktuellen JUVE Steuermarkt

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