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14.09.2020

Nach Wirecard-Skandal: Gehören Prüfung und Beratung vollständig getrennt?

Sollen Prüfung und Beratung stärker voneinander getrennt werden? Nach dem Carillion-Skandal in Großbritannien wurde über diese Frage bereits viel diskutiert. Mit dem Bilanzbetrug von Wirecard beschäftigt das Thema den deutschen Markt nun auch wieder verstärkt. Drei Experten haben gegenüber JUVE Steuermarkt zu der Frage Stellung bezogen.

Fritz Esterer

Fritz Esterer

Für Fritz Esterer, den Vorstandsvorsitzenden der WTS Gruppe, ist klar: Prüfung und Beratung gehören getrennt. „Der Markt für Wirtschaftsprüfung ist hart umkämpft, die Margen sind niedrig. Oft leben die großen Prüfungsgesellschaften von Mischkalkulationen“, sagt er. Diese gingen mit Kampfpreisen in das Prüfungsmandat und erzielten die eigentlichen Gewinne nur über zusätzliche Beratungsaufträge. „Das scheint naheliegend, denn keiner kennt die Finanzströme besser und verfügt über mehr Insiderwissen als der mandatierte Wirtschaftsprüfer“, so Esterer. Und genau hier sieht der WTS-Chef das Problem: Denn sobald gleichzeitig geprüft und beraten wird, seien Interessenkonflikte vorprogrammiert.

Melanie Sack, Vorstandsmitglied des IDW, ist gänzlich anderer Meinung: „Im Fall Wirecard gibt es keine Hinweise, dass ein Beratungsverbot den Bilanzskandal verhindert hätte: Ausweislich des Konzernabschlusses 2018 betrug das Honorar des Abschlussprüfers für sonstige Leistungen weniger als 15 % des Gesamthonorars.“ EY habe also nur in geringem Umfang Beratungsleistungen erbracht. „Dieser liegt im Übrigen auch signifikant unter dem gesetzlich Zulässigen“, sagt Sack.

Melanie Sack

Melanie Sack

Für Dr. Christoph Regierer sollte die Trennung von Prüfung und Beratung im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal nicht der zentrale Diskussionspunkt sein. Der Berliner Mazars-Partner regt an, auch andere Aspekte zu berücksichtigen: „Man muss die einzelnen Beratungsfelder differenziert betrachten: Dabei ist die Strategieberatung möglicherweise anders zu bewerten als zum Beispiel die Steuerberatung, die auf die Abschlussprüfung in vielfacher Weise einstrahlt. Kenntnisse aus dem Steuerrecht zum Beispiel können für einen Wirtschaftsprüfer sehr hilfreich sein und zur Qualität der Prüfung beitragen.“ Zudem trage eine Trennung von Prüfung und Beratung nicht dazu bei, die Attraktivität von Professional Service Firms zu steigern. „Und wir stehen als Branche schon jetzt vor der großen Herausforderung, junge Leute für den Beruf des Prüfers zu gewinnen,“ moniert Regierer.

Mögliche Alternativen

Gibt es Alternativen zum Status Quo? Ja, meint WTS-Chef Esterer. Vor allem Großbritannien zeige derzeit, wie man die bisherige Praxis hierzulande anders handhaben könnte: „Wirkliche Effekte werden aus meiner Sicht nur dann erzielt, wenn die Unabhängigkeit des Berufsstandes der Wirtschaftsprüfer deutlich gestärkt wird und es im ersten Schritt zu einer zumindest wirtschaftlichen Trennung von Prüfung und Beratung kommt. Diesen Weg geht gerade das Vereinigte Königreich und fordert bis Oktober ein Konzept von den großen WP-Gesellschaften für die operative Trennung des Prüfungs- vom Beratungsgeschäfts.“

Christoph Regierer

Christoph Regierer

Auch Mazars-Partner Regierer sieht außerhalb von Deutschland nachahmenswerte Modelle, konkret die vom Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments vorgeschlagene Einführung eines verpflichtenden Joint Audit. „Dieses Modell, das sich in Frankreich seit Jahrzehnten bewährt und dort zu einem nachweislich dynamischen Wirtschaftsprüfermarkt geführt hat, wirkt einer zu engen Beziehung zwischen Unternehmen und Prüfer entgegen.“ Ein Joint Audit zahle auf Unabhängigkeit und Objektivität ein, denn die Prüfer kontrollierten gegenseitig ihre Prüfungsergebnisse und agierten nach dem Vier-Augen-Prinzip. „Das Resultat ist mehr Qualität und mehr Transparenz“, sagt Regierer. Zudem gebe der Ansatz Prüfungsgesellschaften neben den Big Four die Möglichkeit, sich schneller weiterzuentwickeln und so für mehr Wettbewerb und Vielfalt im Markt zu sorgen. 

IDW-Vorstandsmitglied Sack betont hingegen die Vorteile der bisherigen Regelungen: „Beratungsleistungen, die die Unabhängigkeit des Prüfers nicht beeinträchtigen, sind positiv für Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Abschlussprüfung. Sie fördern das Verständnis über das Unternehmen und sein Geschäftsmodell und unterstützen damit die sachgerechte Beurteilung der zugrundeliegenden Sachverhalte und deren zutreffende Erfassung in der Rechnungslegung.“

Welche weiteren Argumete Fritz Esterer, Melanie Sack und Christoph Regierer in Bezug auf die Trennung von Prüfung und Beratung haben, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des JUVE Steuermarkt.

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