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17.11.2020

Deloitte-Steuerchef im Interview: „Es geht immer um einen ganzheitlichen Ansatz“

Deloitte tickt anders als ihre Wettbewerber. Struktur, Organisation und auch die Arbeitsweisen unterscheiden sich von denen der anderen Big-Four-Gesellschaften. Das wird umso deutlicher im Interview mit dem neuen Steuerchef Stefan Grube, der den von Deloitte gewählten Weg als „einzig vernünftigen“ bezeichnet. Ein Gespräch über sich auflösende Grenzen bei der Beratung, schwierige Verhandlungen mit den Mandanten und darüber, was das Beratungshaus noch besser machen kann.

Stefan Grube

Stefan Grube

JUVE Steuermarkt: Herr Grube, seit Juni sind Sie nun Steuerchef von Deloitte. Davor haben Sie mehr als sieben Jahre lang den Bereich Konzernsteuern geleitet. Wer macht diesen Job nun?
Stefan Grube:
Wir haben den zentralen Bereich Business Tax, den ich bisher geleitet hatte, neu strukturiert. Die Leitung haben nun die Frankfurter Partnerin Dr. Christine Wolter und der Düsseldorfer Partner Thomas Welz übernommen.

Wieso haben Sie sich für eine Doppelspitze entschieden?
Das Wort Doppelspitze würde ich in diesem Zusammenhang gerne vermeiden. Es ist nicht so, dass der eine den anderen vertreten soll. Wir haben diverse Themenfelder, die wir abdecken. Der Bereich Business Tax deckt neben Konzernsteuerrecht, International Tax, Controversy auch etliche weitere lokale Steuerthemen ab. Diese Bereiche sollen die beiden in Zukunft leiten und dann auch gemeinsam koordinieren.

Aber all diese Themen gab es doch auch schon in Ihrer Zeit als alleiniger Leiter des Bereichs Business Tax.
Das stimmt. Was ich in dieser Zeit allerdings festgestellt habe: Der Bereich Business Tax hat unglaublich viele Verästelungen. Bei der Größe von Deloitte – über alle Geschäftsfelder hinweg – müssen wir wissen, was der andere macht. Und das müssen bestimmte Köpfe moderieren. Zudem ist der Bereich ja deutlich gewachsen. Das Geschäft ist also definitiv größer als noch vor einigen Jahren und wird auch weiterwachsen.

Werden Sie auch andere Beratungsfelder entsprechend strukturieren, beispielsweise Transaction Tax?
Nein, das Thema Business Tax ist so breit, dass eine solche Struktur notwendig war. Insgesamt sind wir gut aufgestellt, was die einzelnen Geschäftsfelder anbelangt. Unser Ziel ist es jedoch, die Arbeit weiter zu verdichten. Wir arbeiten deshalb mit Hochdruck an Transparenz und Durchlässigkeit. Vor zehn Jahren war für Partner ein Wechsel zwischen den Fachbereichen noch recht schwierig. Heute wird stärker in Service Offerings gedacht, was viel häufiger die Zusammenarbeit von Spezialisten aus mehreren Fachbereichen erfordert.  Somit denken auch die Mitarbeiter auf ihrem Karriereweg inhaltlich nicht nur in Fachbereichen, sondern auch Service Offering denken. Hierdurch wechseln die Mitarbeiter  im Vergleich zur Vergangenheit viel häufiger zwischen den Bereichen. Und das wollen wir weiter forcieren.

Dabei ist es im Moment doch vor allem so, dass die meisten Steuereinheiten ihr Beratungsangebot sukzessive spezialisieren. Wie passt es da zusammen, dass man als Berufsträger einfach mal den Fachbereich wechselt?
Das passt ganz hervorragend zusammen, da es neben den Fachbereichen die Service Offerings gibt. Schon lange wechseln beispielsweise Mitarbeiter aus unserem Consultingbereich in verschiedene Steuer-Fachbereiche. Hintergrund ist hier vor allem die Implementierung von und die Arbeit in SAP. Hier differenzieren wir stärker als früher. Gutes Beispiel ist der Bereich Indirect Tax: Es gibt auf der einen Seite den steuerrechtlichen Teil bezüglich der Umsatzsteuer. Auf der anderen Seite braucht es das Prozessuale, das mehr unter der Überschrift Tax Management Compliance läuft. Silos, die es vor zehn Jahren gab, sind größtenteils nicht mehr vorhanden, und wir müssen verhindern, dass neue entstehen. Ansonsten können wir unsere Mandanten nicht erfolgreich bedienen. Ein weiteres Beispiel: Sie haben im Unternehmen ein hervorragendes Verrechnungspreis-System, das in der Theorie super läuft. Wird es allerdings nicht ordentlich in der IT-Landschaft implementiert, ist die Gefahr groß, dass es in der Praxis nicht funktionieren wird.

Das klingt so, als gebe es bei Deloitte kaum noch Grenzen zwischen den verschiedenen Beratungsbereichen.
So ist es auch. In den meisten Fällen interessiert den Mandanten die eine Lösung, im Sinne des Servcie Offerings. Und da sitzen selten nur wir Steuerberater oder nur ein Fachbereich im Boot. Beispiel: Ein Gesellschafterbeschluss. Ist das Annex-Beratung zur Steuerberatung, ist das Rechtsberatung? Wie wollen wir das in die Beratungsgesellschaft einbinden? Wie wollen wir das als ganzheitliche Lösung darstellen? Ich glaube, dass viele unserer Mandanten ihre eigenen Organisationsformen noch stärker hinterfragen. Und wir begleiten sie dabei – als Deloitte, nicht als Deloitte Tax & Legal. Auch alles was sich um Corona drehte, haben wir nicht ausschließlich aus Tax & Legal-Sicht bearbeitet. Es geht immer um einen ganzheitlichen Ansatz. Ob es rechtliche Themen sind, ob es Lieferketten-Themen sind, die vielleicht eher die Kollegen aus dem Consulting betreffen. Wir können also kaum ausschließlich über das Steuer- und Rechtsgeschäft nachdenken.

Deloitte ist die einzige der Big Four, die keine eigene Tax-Technology-Einheit hat. Muss sich das nicht ändern, wenn technisches Know-how für die Beratung immer wichtiger wird?
Digitalisierung begreifen wir nach wie vor als ganzheitliches Thema. Natürlich haben auch wir als Geschäftsbereich Tax & Legal technologisch versierte Mitarbeiter und Informatiker in unseren Reihen, die nicht zuletzt unter anderem im Fachbereich Tax Management Consulting angesiedelt sind. Eine eigene Einheit à la Tax Technology empfinden wir allerdings als zu kurz gegriffen. Denn die meisten Tech-Themen sind ja nicht nur steuerlich getrieben. Beispiel: Die Implementierung von SAP S/4 HANA. Für Steuerabteilungen ein wichtiges Thema, ja. Aber eben nicht nur für diese. Deshalb suchen wir immer auch gezielt den engen Schulterschluss mit den anderen Bereichen bei Deloitte. Und was das Thema Tax-Tools angeht: Hier setzen wir in erster Linie auf Kooperationen, die in der Regel ebenfalls dem Consulting-Bereich entspringen – und das auch zumeist global. Wenn wir aber eine spezielle Software brauchen, die es so am Markt nicht gibt, entwickeln wir eigene Lösungen. So zum Beispiel zuletzt für die Kollegen aus dem Global Mobility-Bereich.

Und das genügt?
Es genügt nicht nur. Es ist der einzig vernünftige Weg, auf digitale Angebote beim Mandanten aufmerksam zu machen. Wir haben sehr viele Dinge im Bereich Technology bereits angeschoben. Zugegeben: Wir müssen diese Angebote nun stärker als zuvor in den Markt tragen.

 

Das Gespräch führte Daniel Lehmann. Das vollständige Interview lesen Sie im JUVE Steuermarkt November / Dezember 2020.

 

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