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12.11.2020

Finanzrichterumfrage: Work-Life-Balance top, Karriere flop

Finanzrichter bleiben mit ihren Arbeitsbedingungen sehr zufrieden. Das zeigt die zweite JUVE Steuermarkt-Umfrage unter den deutschen Finanzrichtern. Die gute Stimmung wurde noch nicht einmal durch die Corona-Pandemie getrübt. Allerdings hapert es aus Sicht vieler Richter bei ihrer Vergütung und ihren Entwicklungschancen.

JUVE Steuermarkt hatte im September über 500 Finanzrichter in Deutschland kontaktiert. Rund elf Prozent der angeschriebenen Richter nahmen an der Umfrage teil.

Im Vergleich zur ersten Finanzrichterumfrage von JUVE Steuermarkt vor zwei Jahren hat sich die Zufriedenheit sogar insgesamt noch einmal gesteigert. Die Note zur Work-Life-Balance erreichte in diesem Jahr sogar den Höchstwert. Die Befragten waren zudem mit der technischen Ausstattung etwas zufriedener als vor zwei Jahren. Darauf könnten die in der Corona-Pandemie erprobten technischen Neuerungen wie die elektronische Akte Einfluss genommen haben. Ob im Homeoffice oder bei Gericht, mit dem Arbeitspensum sind die Befragten ebenfalls zufrieden – egal ob in Voll- oder Teilzeit.

Wo es noch hapert

Doch auch Probleme in der Finanzgerichtsbarkeit benennen die Umfrageteilnehmer. So gab eine Vielzahl an, dass die größte Herausforderung das komplizierte Steuerrecht sei. Allerdings seien es nicht die ständigen Gesetzesänderungen, sondern eher die Vielschichtigkeit der Materie, die Probleme verursache.

Doch eine Lösung haben die Richter auch parat: eine größere Spezialisierung bei den Abgabearten. Dieser Wunsch war schon in der Finanzrichterumfrage 2018 am größten.

Eine höhere Spezialisierung könnte tatsächlich wohl das Vertrauen vieler Berater in die Finanzgerichte stärken. Doch so einfach ist es nicht: Denn ob ein Gericht Spezialzuständigkeiten abbilden kann, hängt nicht zuletzt von seiner personellen Ausstattung ab. So gibt es an größeren Gerichten wie Hamburg oder Münster schon seit Längerem Spezialzuständigkeiten. In kleineren Gerichten muss jeder Finanzrichter fast alle Themen abdecken, schon allein, damit sich die Richter im Krankheits- oder Urlaubsfall vertreten können. 

Hinzu kommt ein klassisches Henne-Ei-Problem: Fehlende Spezialisierungen führen bei Beratern nicht selten zu fehlendem Vertrauen in die Fähigkeiten der Finanzrichter, bestimmte Themen angemessen beurteilen zu können – und bringen daher die Fälle nicht vor Gericht, die wiederum für eine Spezialisierung sorgen könnten. Bestes Beispiel sind Verrechnungspreise. Auf der anderen Seite birgt eine zu enge Spezialisierung das Risiko, den Blick für das große Ganze zu verlieren. Eine Antwort darauf könnte eine stringentere Aus- und Fortbildung sein. Der Fortbildungswunsch zeigt sich auch in den individuellen Antworten in der JUVE Steuermarkt-Umfrage.

Der schnöde Mammon

Egal in welche Branche man schaut, an einer Stellschraube würden am liebsten alle drehen – am Gehalt. Die Finanzrichter hierzulande machen da keine Ausnahme. Knapp 56 Prozent der Befragten plädieren für eine höhere Besoldung, um den Beruf attraktiver zu gestalten. Mit ihrem Gehalt sind die Finanzrichter am unzufriedensten, wie die JUVE Steuermarkt-Umfrage zeigt. Dieses Stimmungsbild hat sich im Vergleich zur Umfrage 2018 nicht wesentlich verändert.

Dies kann daran liegen, dass sich viele Finanzrichter an den Beraterlaufbahnen und -gehältern orientieren und die deutsche Richterbesoldung auch im europäischen Vergleich eher schlecht abschneidet. Einige Richter sind höhere Gehälter auch aus den Großkanzleien gewohnt, in denen sie tätig waren.

Wenig zufrieden sind die Teilnehmer auch mit ihren Karriereaussichten. Diese scheinen darauf beschränkt, irgendwann vielleicht einmal Vorsitzender Richter werden zu können – drei Viertel der Teilnehmer können sich dies vorstellen. Dabei kommt es allerdings wiederum auf die Größe des Gerichts an: Je mehr Senate, desto höher ist die Chance auf einen Vorsitz. Diese Position ist als Karriereaufstieg so populär, weil man dadurch nicht nur in die nächsthöhere Besoldungsgruppe rutscht und mehr Verantwortung trägt, sondern auch ein gewisses Renommee genießt.

Doch unterm Strich gilt: Obwohl die Befragten mit ihrem Gehalt und ihren Karrieremöglichkeiten eher unzufrieden sind, würden rund 83 Prozent der Befragten wieder Finanzrichter werden wollen. (Esra Laubach)

 

Mehr über die Ergebnisse der JUVE Steuermarkt-Finanzrichterumfrage lesen Sie in der aktuellen November/Dezember-Ausgabe des JUVE Steuermarkt.

 

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