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16.04.2021

JUVE Handbuch Steuern: Regionalberater als Allrounder

Ob im Norden, Süden, Osten oder Westen: Die Coronakrise hielt Akteure im Steuermarkt bundesweit in Atem. Die Beratungshäuser sind, anders als viele ihrer Mandanten, weitgehend unbeschadet durch die Krise gekommen. Obwohl die Akquise von Neugeschäft schwieriger geworden ist, wie viele Berater berichten, waren die meisten mit Bestandsgeschäft sowie mit Sonderfragen im Zusammenhang mit den Coronamaßnahmen in allen Teilen des Landes gut beschäftigt. Und auch sonst gab es keinen Stillstand: Personalwechsel, Fusionen und neue steuerrechtliche Fragestellungen bewegten die Beratungsgesellschaften in allen Regionen.

Existenzfragen vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen standen bei Steuerberatern im vergangenen Jahr auf der Tagesordnung. Dabei war oft viel mehr als nur steuerliches Know-how gefragt: „Wegen des drohenden Verlusts der Lebensgrundlage vieler Unternehmer war man zugleich enger Wirtschafts- und Lebensberater“, berichtet einer. Vielen, im gehobenen Mittelstand tief verwurzelten Beratern kamen ihre teils jahrelang etablierten Verbindungen auch deshalb zuletzt besonders zugute. 

In Schleswig-Holstein etwa war die Wirtschaft, die zu einem Großteil auf touristischen Angeboten basiert, durch die Pandemie schwer gebeutelt. Aber auch Niedersachsen und Bremen zählen zu den Ländern mit den stärksten wirtschaftlichen Einbrüchen in der Krise. In Niedersachsen beispielsweise brach das Bruttoinlandsprodukt ein, weil das Gastgewerbe stark gebeutelt war und auch der Groß- und Einzelhandel keine maßgeblichen Sprünge verzeichnete.

Regionale Geschäftstreiber

Der Osten Deutschlands, vor allem Leipzig und Dresden, etabliert sich neben Megathemen wie dem Kohleausstieg und dessen Folgen als Zukunftsstandort. Leipzig verfügt über eine angesehene Internet- und Start-up-Szene, Dresden ist etwa in der Halbleiterindustrie vorne dabei. Auch in Brandenburg scheint einiges möglich: Das Bundesland liegt seit drei Jahren immer an der bundesweiten Spitze in puncto Zuwachs von Steuerberaterzulassungen.

Der Südwesten wiederum ist ein riesiger Markt für die steuerberatende Zunft. Die drittgrößte Steuer-Region ist laut Bundesteuerberaterkammer Stuttgart – nach München und Westfalen-Lippe. Mehr als 800 Einheiten sind allein in der baden-württembergischen Landeshauptstadt (inklusive näherer Umgebung) zuhause.

Bewegung in der Beraterlandschaft

Da wundert es nicht, dass Menold Bezler im Südwesten erstmals in der steuerlichen Beratung Duftmarken setzte, die durch die Fusion mit der örtlichen Gesellschaft Prof. Dr. Binder, Dr. Dr. Hillebrecht & Partner GmbH (BHP) erfolgte. Doch weiterhin dominiert die Heidelberger Einheit Falk, die auch in Mannheim, Speyer und Heppenheim Standorte hat, die Metropolregion in der steuerlichen Beratung. „Sie sieht man immer, wirklich immer“, sagt ein lokaler Wettbewerber. Kein Wunder: Falk ist mit mehr als 120 steuerlichen Mitarbeitern die Gesellschaft mit der höchsten personellen Schlagkraft – noch weit vor Ernst & Young und KPMG. Die Big Four werden auch im Hannoveraner Markt angegriffen: Sowohl RSM als auch WTS haben in 2020 und 2021 einen Standort in Hannover eröffnet.

Weiter südlich war für WTS Nürnberg jüngst ein entscheidender Schauplatz: Die Steuerberatungsgesellschaft mit Stammsitz in München stellt als Beraterin großer deutscher Konzerne ein mittlerweile bundesweites Phänomen dar. Mit der Übernahme praktisch des gesamten Steuerteams von PricewaterhouseCoopers in Nürnberg hat WTS nicht nur ihr bereits fünftes Büro allein in Bayern eröffnet, sondern vor allem einen entscheidenden Schritt getan, um nun beim regionalen Mittelstand besser Fuß zu fassen – und damit in direkte Konkurrenz zu den starken örtlichen Kanzleien zu treten.

Auch Personalwechsel mischten den Beratermarkt neu: In Hamburg etwa wechselte der ehemalige Steuerchef von Norton Rose Fulbright, Dr. Uwe Eppler, zur multidisziplinären Einheit Möhrle Happ Luther, und ein weiterer Wechsel machte in Hamburg von sich reden: Die renommierte Steuerrechtlerin Dr. Marion Frotscher wechselte von Warth & Klein Grant Thornton (WKGT) zu Beiten Burkhardt, und gleichzeitig baute WKGT den Hamburger Standort mit einem 100-köpfigen multidisziplinären Team von PKF Fasselt Hamburg und Rostock aus. Damit nimmt WKGT die Marktspitze in der Region ins Visier.

Digitalthemen als Katalysator

Die Transformation des Steuermarktes ist regions- und disziplinübergreifend schon seit längerem im Gange: Corona aber hat dafür gesorgt, dass sich Kanzleien aller Größenordnungen mit dem Stand ihrer Digitalisierung auseinandersetzen und gegebenenfalls schnell neue Lösungen etablieren mussten.

In den Regionen Braunschweig und Hannover etwa sind Mandanten zu Beratern gewechselt, die Prozesse in den Unternehmen digitalisieren können und mit denen ein digitaler Austausch von Daten möglich ist. Davon haben Kanzleien wie Böke & Partner und Gehrke econ profitiert. Andere Berater hat das Thema vorerst nur intern umgetrieben, aber den Druck maßgeblich gesteigert, sich dem Thema umfassend annehmen zu müssen.

Auch in der westlichen Region Deutschlands wirkte Corona für viele Beratungseinheiten als Katalysator für die eigenen Digitalisierungsaktivitäten. Die IT-gestützte Beratung, die bei vielen MDP-Gesellschaften häufig ihren Ursprung im Prüfungsbereich hat, trägt immer öfter in der Steuerberatung Früchte, etwa beim Thema Data Analytics oder bei steuerlichen Sonderprojekten, zum Beispiel in der Beratung an der Schnittstelle zu ERP-Systemen. Viele Einheiten verfügen mittlerweile über hauseigene IT-Teams, darunter 8P Partnerschaft, ADKL Abels Decker Kuhfuß & Partner und DHPG Dr. Harzem & Partner oder arbeiten in Joint Ventures mit IT-Dienstleistern an Digitallösungen für die Steuerfunktion, etwa Husemann Eickhoff Salmen & Partner. (Esra Laubach)

Mehr zu den Entwicklungen im Steuermarkt sowie die Rankings der führenden Kanzleien in den verschiedenen Regionen und Beratungsgebieten finden Sie im JUVE Handbuch Steuern 2021.

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