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21.04.2021

Umsatzsteuer: Vom Nischen- zum Strategiethema

Seit Beginn der Coronakrise hat die Umsatzsteuer als Baustein der Liquiditätssicherung für viele Unternehmen noch einmal erheblich an Bedeutung gewonnen. Unabhängig von der Pandemie ist die Steuer wegen ihrer hohen Fehleranfälligkeit für viele Inhouse-Steuerabteilungen längst zu einem strategischen Thema geworden. Neben der coronabedingten Beratung standen zuletzt vor allem das VAT E-Commerce Package der EU sowie die Umsatzbesteuerung des öffentlichen Sektors auf der Agenda.

Im Zuge der Coronapandemie brechen vielen Unternehmen die Einnahmen weg. Sehr schnell nach Ausbruch im vergangenen Jahr boten deshalb mehrere Bundesländer als Liquiditätshilfe die Möglichkeit, Umsatzsteuerzahlungen zu stunden und Sondervorauszahlungen zurückzuerstatten. Entsprechend hoch war und ist der Informations- und Beratungsbedarf der Unternehmen. Für viel Verdruss in den Unternehmen sorgte dagegen die im Corona-Steuerhilfegesetz verabschiedete temporäre Umsatzsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020. Kurzfristig mussten IT-, Kassen- und Buchhaltungssysteme umgestellt, Preislisten und -schilder sowie Kataloge neu gedruckt werden. Viel zu tun für die Berater, aber auch für die Finanzverwaltung.

Ebenfalls Bestandteil des Corona-Steuerhilfegesetz war die Verlängerung des Optionszeitraums für § 2b UStG für die Umsatzbesteuerung des öffentlichen Sektors. Damit erhalten kommunale Unternehmen mehr Zeit, die Besteuerung ihrer Leistungen neu zu regeln. Mit der Neuregelung unterliegen Leistungen der öffentlichen Hand, die mit denen privater Anbieter vergleichbar sind, der Umsatzsteuer. Eine Optionsregelung ermöglichte es den öffentlichen Unternehmen, die bisherige Regelung fortzuführen – ursprünglich befristet bis Ende Dezember 2020. Dieser Übergangszeitraum wurde mit Verabschiedung des Corona-Steuerhilfegesetzes bis Ende 2022 verlängert. Das Thema Umsatzbesteuerung öffentlicher Leistungen ist damit aber nicht vom Tisch. Vielen Kommunen und öffentlichen Unternehmen ist längst klar, dass sie hier aktiv werden müssen.

VAT E-Commerce Package ist lieferfertig

Das bestimmende Umsatzsteuerthema auf internationaler Ebene ist das VAT E-Commerce Package der EU, mit dem das Umsatzsteuerrecht an die Bedürfnisse der digitalen Ökonomie angepasst werden soll. Dafür wird das existierende Mini-One-Stop-Shop-Verfahren (MOSS) zum One-Stop-Shop (OSS) ausgebaut. Ab Juli können Onlinehändler ihre Umsätze zentral über ihren nationalen OSS melden und müssen sich nicht mehr in den EU-Ländern, in die sie Waren liefen, umsatzsteuerlich registrieren. Auch die verschiedenen nationalen Lieferschwellen fallen weg.

Das VAT E-Commerce Package sollte ursprünglich zum 1. Januar 2021 in Kraft treten, wurde jedoch um sechs Monate verschoben. Einige Länder, darunter Deutschland, hatten offenbar Probleme mit der technischen Umsetzung. Aber auch wenn das OSS-Verfahren kommt, bleibt für die Onlinehändler die komplexe Aufgabe, für jeden Artikel den korrekten Umsatzsteuersatz für das jeweilige Produkt im Bestimmungsland anzuwenden. Zudem profitieren nur die Händler, die ihre Waren direkt versenden, ohne diese im Ausland einzulagern, also zum Beispiel nicht auf Fulfillment-Services der Marktplatzbetreiber setzen.

Verstärkung der Teams und IT-Kompetenz

Die Verstärkung gleich mehrerer Umsatzsteuer-Teams, unter anderem bei Ebner Stolz, Flick Gocke Schaumburg oder WTS sowie Partnerernennungen in diversen Gesellschaften verdeutlichen die steigende Bedeutung der Umsatzsteuer auch auf Beratungsseite. Einheiten wie AWB, Baker & McKenzie oder BDO, die die Umsatzsteuerberatung traditionell eng verknüpft zum Zoll- und Verbrauchsteuerrecht anbieten, bedienen regelmäßig die Schnittstelle zur Zollberatung, etwa bei Fragen zur Einfuhrumsatzsteuer oder zur Lieferkettenoptimierung. Derweil haben es die Teams von Streck Mack Schwedhelm, ckss Carlé Korn Stahl Strahl oder Flick Gocke Schaumburg immer häufiger mit komplexen Mandaten zu tun, bei denen die Berater ihre steuerstrafrechtliche Kompetenz in die Waagschale werfen. Um das Risiko von Umsatzsteuernach- bzw. Vorsteuerrückzahlungen zu reduzieren, steht das Thema VAT-Compliance bei vielen Mandanten weiter ganz oben auf der Agenda.

Zur klassischen Umsatzsteuerberatung tritt nun auch regelmäßig die Prozess- und digitalgetriebene Beratung. Die Big-Four-Gesellschaften, die mit ihren IT-Teams mehrere dieser Mandate gleichzeitig stemmen können, haben ihre Methoden der Datenanalyse oder SAP/ERP-Beratung weiter verfeinert. Aber auch andere Einheiten arbeiten konsequent an der Entwicklung ihres digitalen Angebots, darunter etwa Peters Schönberger & Partner, TLI VAT Services, Baker Tilly, Warth & Klein Grant Thornton oder KMLZ, die zum Teil auch eigene Tax Tools in der Beratung einsetzen. (Stephan Mittelhäuser)

 

Mehr zu den Entwicklungen im Steuermarkt sowie die Rankings der führenden Kanzleien in den verschiedenen Regionen und Beratungsgebieten finden Sie im JUVE Handbuch Steuern 2021.

 

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