IDSt

Zusammen ist man weniger allein

Im Institut für die Digitalisierung im Steuerrecht (IDSt) sollen nicht nur Theorie und Praxis, sondern auch Berater, Inhouse-Experten und Verwaltung zusammenfinden, um die Digitalisierung des Steuerrechts voranzutreiben. Das Projekt könnte sich zu einem wichtigen Sprachrohr der Branche entwickeln – wenn es gelingt, Partikularinteressen im Zaum zu halten und sich nicht zu verzetteln.

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Am Anfang stand eine Idee: Eine Blockchain für Langzeitlieferantenerklärungen im Zollbereich. Schon lange spielte Georg Geberth mit diesem Gedanken. Auch wenn eine Blockchain alles andere als leicht aufzusetzen ist – sie würde am Ende so vieles vereinfachen.

Georg Geberth, im Hauptberuf Director Global Tax Policy bei Siemens, hat mit dem IDSt innerhalb kürzester Zeit das Who’s who der Tax-Tech-Szene in einem Verein versammelt.

Das Problem: Eine Blockchain wird umso besser, je mehr sich daran beteiligen – vereinfacht gesagt. Aber noch andere Teilnehmer hinzuzufügen, wenn das System einmal steht, ist nicht so einfach. Besser ist es, direkt mit mehreren teilnehmenden Partnern – in diesem Fall Unternehmen – zu starten. Das war auch Geberth, Director Global Tax Policy bei Siemens, klar: „Was lag da näher, als ein Netzwerk zu bilden, um dieses Thema theoretisch und praktisch voranzubringen.“

Das Netzwerk sollten vor allem Unternehmen sein, die dem Thema Blockchain und damit auch der Digitalisierung der Steuerfunktion aufgeschlossen gegenüberstehen. Und davon gibt es am Markt bekanntlich so einige: Prof. Dr. Robert Risse beispielsweise hat als langjähriger Steuer- und Zollchef von Henkel die Digitalisierung der Steuerfunktion vorangetrieben, nicht nur praktisch, sondern auch wissenschaftlich. Frank Kolan macht, im engen Schulterschluss mit WTS, auf die ein Teil der Steuerfunktion ausgegliedert ist, ganz Ähnliches beim Essener Energiekonzern E.ON. Und Annette Linau treibt das Thema bei Evonik voran. Und: Auch Geberths Arbeitgeber Siemens ist seit vielen Jahren ziemlich weit vorn dabei, wenn es um die Digitalisierung der Steuerfunktion geht. So plante Siemens-Steuerchef Prof. Dr. Christian Kaeser schon vor über fünf Jahren ein Projekt zur künstlichen Intelligenz in der Steuerfunktion.

Das Thema ist abseits der Blockchain also schon seit Jahren im Markt präsent. Geberth, selbst Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Steuergremien und nicht zuletzt dadurch bestens in der Szene vernetzt, zapfte seine Kontakte an – und stieß daher auch schnell auf offene Ohren.

Bei der Blockchain soll es nicht bleiben

Ende März 2021 war es dann so weit: Mit 33 Gründungsmitgliedern ging das Institut für die Digitalisierung im Steuerrecht (IDSt) an den Start. 18 Unternehmen, darunter neben Siemens auch Henkel, Evonik oder die Deutsche Telekom sowie fünf Steuerberatungsgesellschaften waren dabei. Hinzu kamen einige Verbände und Einzelpersonen. Mitglieder aus der Finanzverwaltung waren seinerzeit noch nicht mit an Bord. Das hielt das IDSt jedoch nicht davon ab, direkt zur Tat zu schreiten – denn Themen rund um die Digitalisierung des Steuerrechts gibt es genug, auch abseits des konkreten Anlasses. Und daher war schnell klar, dass es bei der Blockchain allein nicht bleiben kann und wird. Vielmehr möchte das IDSt ein Hub für alle Themen rund um die Digitalisierung sein – und traf damit augenscheinlich einen Nerv, denn mittlerweile hat der Verein fast fünfmal so viele Mitglieder wie zum Start, und das in rund anderthalb Jahren.

Doch wozu braucht es eigentlich einen solchen Verein, haben sich doch beispielsweise die Bundessteuerberaterkammer (BStBK) oder die Deutsche Gesellschaft zur Digitalisierung des Gesellschafts- und Steuerrechts (DGDSG) das Thema auch auf die Fahnen geschrieben? Als Konkurrenten scheinen sie sich bislang nicht wahrzunehmen – zumal beide ‚nur‘ einen Teil der Branche bedienen, also entweder Berufstragende, häufig aus kleineren Einheiten, oder Steuerjuristen. Eine Plattform, auf der die unterschiedlichsten Stakeholder zusammenkommen, gab es in dieser Form bislang jedoch noch nicht.

Und so ist zum Beispiel die BStBK selbst Mitglied im Verein, und auch Johannes Gessner, Vorsitzender für Steuerrecht bei der DGDSG in Frankfurt, hat sich dem IDSt als Einzelmitglied angeschlossen. Der Verein wurde 2020 gegründet und sieht sich als Forschungsplattform für die Digitalisierung des Rechts. Er wird derzeit zwar hauptsächlich von jüngeren Berufstragenden vorangetrieben, kann mit Dr. David Hötzel von Poellath und Prof. Dr. Joerg Andres von der FOM in Düsseldorf aber zwei prominente Namen im Beirat für Steuerrecht vorweisen.

Auffallend bleibt jedoch, dass die Unternehmen derzeit in der Überzahl sind. Das liegt womöglich auch an der Strukturierung der Mitgliedsbeiträge: Während für Unternehmen der jährliche Mitgliedsbeitrag bei 1.000 Euro gedeckelt ist – unabhängig von Größe oder Umsatz des Unternehmens – ist es bei den Beratungsgesellschaften anders. Hier ist der Umsatz der Steuerberatung entscheidend: Beratungshäuser, die einen Steuerumsatz bis zu 100 Millionen Euro erwirtschaften, starten bei 1.000 Euro Beitrag jährlich, wenn man über 200 Millionen Euro Steuerumsatz liegt, sind es sogar 3.000 Euro. Im Umkehrschluss heißt das: Zumindest finanziell ist es für die großen Beratungsgesellschaften deutlich unattraktiver, im IDSt Mitglied zu werden, als für Unternehmen oder Einzelpersonen, die viel niedrigere Beiträge zahlen.

Und auch wenn die Beiträge kaum das einzig ausschlaggebende Kriterium für Beratungsgesellschaften sein dürfte, sich für oder gegen eine Mitgliedschaft zu entscheiden, ist so zumindest klar, auf wen sich die Aufmerksamkeit im Verein überwiegend richtet. Allerdings: Die Ansammlung des Who’s who der deutschen Steuerabteilungsleiter-Szene im IDSt könnte Begehrlichkeiten in der Beraterschaft wecken. Dass die Beratungsgesellschaften die Mitgliedschaft im IDSt dafür nutzen wollen, auf der Plattform Akquise zu betreiben, hat Geberth bislang allerdings noch nicht erlebt: „Aber natürlich ist es so, wenn jemand ein tolles Tool hat, dass er dies auch mal zeigen kann.“ Doch unterschwellig dürfte – wenn auch nicht bei Geberth selbst, aber vielleicht bei anderen Mitgliedern aus der Industrie – die Sorge da sein, dass eine Dominanz von Beratungsgesellschaften im Verein die derzeitige Balance zum Kippen bringen könnte.

Das starke Wachstum von ursprünglich 33 auf rund 160 Mitglieder hat auch dazu geführt, dass sich der Verein inhaltlich sehr stark diversifiziert hat: Insgesamt acht Fachausschüsse hat das IDSt mittlerweile, die sich mit Titeln wie ‚Digitalisierung von Steuernormen‘, ‚Standardisierung transaktionaler Informationspflichten‘ oder ‚Aus- und Fortbildung‘ um vielfältige Facetten rund um die Digitalisierung beschäftigen. Wie aktiv die einzelnen Ausschüsse sind, hängt dabei auch von den Themen ab. „Manche treffen sich sehr häufig, andere eher anlassbezogen“, so Geberth. Dabei wird deutlich: Auf Themen wie Aus- und Fortbildung kann sich vermutlich jedes Mitglied einigen. Egal, ob aus der Industrie, der Beraterschaft oder der Verwaltung – IT-affines und -geschultes Steuerpersonal wird derzeit überall gebraucht. Anders sieht es dann schon bei Einzelprojekten wie der Blockchain aus.

Diese soll nämlich nun tatsächlich als erstes großes praktisches Projekt kommen: „Wir planen, eine Blockchain-Lösung für innergemeinschaftliche Lieferungen und Reihengeschäfte zu erarbeiten und unseren Mitgliedern zur Verfügung zu stellen (‚powered by IDSt‘)“, so Geberth vor einigen Monaten gegenüber der Zeitschrift RethinkingTax. Mittlerweile steht das Leitungsteam fest – und setzt sich zusammen aus Experten aus Beratung, Dax und ITlern. Klar ist dabei: „Aus den Mitgliedsbeiträgen können und werden wir ein solches Projekt nicht finanzieren“, ist Geberth sicher. Das liegt nicht nur daran, dass das Geld vermutlich nicht reichen dürfte, sondern auch daran, dass von diesem Projekt nicht alle Mitglieder gleichermaßen profitieren würden. In diesem Zusammenhang werden vor allem die Partikularinteressen einzelner Mitgliedsgruppen – in diesem Fall im Wesentlichen aus den Unternehmen – deutlich. Das muss grundsätzlich nichts Schlechtes heißen: In vielen Vereinen und Netzwerken kommen unterschiedliche Interessen zusammen. Die nächste Zeit wird jedoch zeigen, inwieweit es trotz aller Unterschiede bei den Interessen gelingt, alle Mitglieder in Bezug auf das übergreifende Ziel – die Digitalisierung im Steuerrecht auf verschiedenen Ebenen zu fördern – zusammenzuhalten.

Steuerpolitischer Einfluss

Erste Erfolge auf steuerpolitischer Ebene kann das Institut jedenfalls schon für sich beanspruchen: Bereits zwei Mal gab mit dem Steuerberater Jens Schäperclaus der stellvertretende Vorsitzende des Vereins vor dem Finanzausschuss des Deutschen Bundestags die Einschätzung des Vereins zu den Themen DAC 7- Umsetzungsgesetz und Jahressteuergesetz ab. Die Unions-Fraktion des Bundestages fragte zudem beim IDSt an, ob dieses nicht seine Expertise einbringen könnte: Hintergrund ist die Initiative ‚DigiCheck‘ des IDSt, bei dem das IDSt steuerliche Gesetzesvorhaben auf ihre Digitalisierungstauglichkeit beurteilen möchte. Die CDU-Fraktion regte sogar an, dass das IDSt zukünftig im Rahmen dieses Checks bei steuerlichen Gesetzesvorhaben hinzugezogen werden soll.

Aber auch international gibt es einiges zu tun, so Geberth. „Eines der großen Themen für die Unternehmen ist derzeit die E-Rechnung. Es wäre ein großer Effizienzgewinn, wenn es da einen gemeinsamen Standard für alle Länder gäbe.“ Ein Thema, das derzeit auch politisch ziemlich weit oben angesiedelt ist: „Ein halbes Jahr vor Abschluss des Koalitionsvertrags haben wir den Fachausschuss III ‚Transaktionale Berichtspflichten‘ aufgesetzt. Das war ‚just in time‘, zumal das geplante Meldesystem laut Koalitionsvertrag ‚schnellstmöglich‘ eingeführt werden soll“, so Geberth gegenüber der Rethinking Tax. Allerdings: Europäisch vernetzt ist das IDSt derzeit nicht. „Ein einheitliches E-Rechnungsformat, das für alle EU-Mitgliedstaaten gilt, ist natürlich sinnvoller als ein rein nationales oder eines, das auf jeweils nur ein Bundesland beschränkt ist“, so Geberth, „und eine weltweite Standardisierung wäre natürlich am sinnvollsten, aber da geraten wir wohl an die Grenzen des politisch Realistischen.“ Wegen der Bedeutung der internationalen Dimension habe er versucht, vergleichbare Vereine in anderen Ländern ausfindig zu machen, bislang erfolglos. Die Brücke schlägt der Verein derzeit, indem er prominente Gesichter aus der OECD, zum Beispiel Dr. Achim Pross, eine treibende Kraft bei der Mindestbesteuerung, als Beirat ins Boot holt.

Viel zu tun also für Geberth und seine Mitstreiter. Und viel zu erreichen – wenn sich die Mitglieder nicht verzetteln und weiter an einem Strang ziehen.

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