Drei Fragen am Rande

Prägende Verzahnung, fundamentale Werte und Faktor Vertrauen

Martina Hötker ist Head of Tax Domestic der Mercedes-Benz Group in Stuttgart. In ihrer Rolle verantwortet sie die Bereiche Ertragsteuer, Lohnsteuer und M&A Tax für die deutschen Gesellschaften des Konzerns. Vor ihrem Wechsel vor eineinhalb Jahren war sie Head of Group Tax bei Hugo Boss. Zudem engagiert sie sich im Finanz- und Steuerausschuss der IHK Region Stuttgart und ist regelmäßig als Referentin auf Fachveranstaltungen aktiv.

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Gab es ein bestimmtes Erlebnis, das Ihre Berufswahl nachhaltig beeinflusst hat?

Ja, dieses prägende Erlebnis gab es tatsächlich – und es geht zurück auf die Zeit während meines dualen Studiums. In der letzten Praxisphase war ich für drei Monate im Bereich Bilanzen & Controlling eingesetzt. Dort hatte ich erstmals intensive Berührungspunkte mit dem internen und externen Unternehmensreporting, insbesondere mit der Erstellung von Jahres- und Konzernabschlüssen. Ich konnte die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsprüfern aus nächster Nähe erleben, gewann Einblicke in die Verarbeitung der buchhalterischen Daten im Rahmen der Jahresabschlusserstellung und war auch in die Erstellung von Steuererklärungen eingebunden.

Diese Phase war für mich ein entscheidender Wendepunkt, weil mir sehr deutlich wurde, wie stark Rechnungslegung, Steuern und wirtschaftliche Steuerung eines Unternehmens miteinander verzahnt sind – und wie spannend genau diese Schnittstellen sind. Die analytische Tiefe, die Verantwortung und die praktische Relevanz dieser Themen haben mich nachhaltig begeistert.

Unmittelbar im Anschluss habe ich ein Praktikum in der Wirtschaftsprüfungskanzlei absolviert, die ich während dieses Einsatzes kennengelernt hatte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stand mein Entschluss fest, in die Wirtschaftsprüfung zu gehen. Um mich fachlich weiter zu vertiefen, habe ich mich für den Masterstudiengang International Accounting & Taxation entschieden. Der anschließende Einstieg in meine berufliche Laufbahn bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft war der konsequente nächste Schritt.

Bis heute übe ich meinen Beruf – wenn auch nicht mehr im Bereich der Wirtschaftsprüfung, sondern mittlerweile wieder direkt im Unternehmen – mit großer Freude aus. Besonders reizvoll finde ich nach wie vor die tägliche Herausforderung, den Spagat zwischen der Einhaltung komplexer steuerlicher Regelungen und einer unternehmerisch sinnvollen, verantwortungsvollen Steuerposition zu meistern. Genau diese Spannung macht die Arbeit im Steuerbereich für mich bis heute interessant, anspruchsvoll und sehr erfüllend. Ich würde diesen Weg jederzeit wieder so gehen.

Welche Dinge liegen Ihnen besonders am Herzen, neben Ihrem Beruf?

Neben meinem Beruf steht für mich ganz klar meine Familie im Mittelpunkt. Gemeinsam mit meinem Mann und unseren drei Kindern bildet meine Familie mein persönliches Fundament. Sie gibt mir innere Stabilität, Orientierung und emotionale Stärke, besonders in einem verantwortungsvollen und oft anspruchsvollen beruflichen Umfeld. Werte wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Fürsorge und Zusammenhalt sind für uns selbstverständlich.

Diese Werte prägen mich, auch in meiner Rolle als Führungskraft, die mir über die reine fachliche Verantwortung hinaus persönlich sehr am Herzen liegt. Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, Orientierung zu geben und Verantwortung zu übernehmen – gerade in herausfordernden Zeiten – ist für mich ein zentraler Bestandteil meiner Aufgabe.

Dabei spielt Sinnhaftigkeit für mich eine große Rolle: Aufgaben sollten nicht nur verteilt werden, sondern auch als sinnvoll empfunden werden können. Mir ist es wichtig, dass beispielsweise meine Mitarbeiter verstehen, warum eine Aufgabe relevant ist und welchen Beitrag sie leistet.

Aus dieser Haltung heraus sehe ich auch die Rolle von Steuern, unabhängig von meiner beruflichen Rolle, sehr klar: Steuerzahlungen sind kein notwendiges Übel, sondern ein aktiver Beitrag zum Gemeinwohl. Sie sichern den gesellschaftlichen Zusammenhalt und finanzieren die Grundlagen unseres Zusammenlebens, von Bildung über soziale Sicherung bis hin zu Infrastruktur. Nachhaltige und verlässliche Steuersysteme sind damit auch eine Frage von Generationengerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit. Gerade mit Blick auf kommende Generationen halte ich es nicht nur aus fachlicher, sondern auch aus persönlicher Überzeugung für entscheidend, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung in Einklang zu bringen, um den Wohlstand, den wir erleben durften, auch für unsere Kinder und Enkel aufrechtzuerhalten.

Ein weiterer Bereich, der mir sehr am Herzen liegt, ist der Sport. Für mich ist er ein wesentlicher Beitrag zu Gesundheit, Lebensqualität und mentaler Balance. Sport hilft mir, körperlich und geistig leistungsfähig zu bleiben und einen Ausgleich zu den hohen fachlichen und organisatorischen Anforderungen meines Berufs zu schaffen. Insbesondere bei langen Läufen oder Ausritten mit meinem Pferd durch den Wald, gelingt es mir sehr schnell, Abstand vom Alltag zu gewinnen, zur Ruhe zu kommen und die eigenen Batterien wieder aufzuladen. Dieser bewusste Ausgleich ist für mich unverzichtbar, um langfristig fokussiert, gesund und mit Freude sich neuen Herausforderungen stellen zu können.

Zusammengefasst liegen insbesondere Familie, Verantwortung für Menschen, unser Beitrag zum Gemeinwohl und der bewusste Ausgleich durch sportliche Aktivitäten mir neben meinem Beruf besonders am Herzen. Diese Dinge sorgen für Balance, geben mir Energie und machen es für mich möglich, Verantwortung nicht nur erfolgreich, sondern auch nachhaltig und mit Freude zu übernehmen.

Welche Rolle spielt Vertrauen in Ihrem Arbeitsalltag?

Vertrauen ist für mich die wichtigste Grundlage meines Arbeitsalltags. Ich bin fest davon überzeugt, dass Vertrauen ein entscheidender Erfolgsfaktor eines Unternehmens ist – nicht nur für gute Zusammenarbeit, sondern auch für Geschwindigkeit, Qualität und Effizienz. Dort, wo Vertrauen vorhanden ist, können Entscheidungen schneller getroffen, Verantwortung leichter übertragen und Aufgaben zielgerichteter erledigt werden. Misstrauen, Kontrollen und Absicherungsmechanismen hingegen binden Energie, verlangsamen Prozesse, verbrauchen unnötige Ressourcen und erzeugen oft genau das Gegenteil dessen, was erreicht werden soll. Vertrauen ist daher für mich ein messbarer Wirtschaftsfaktor, der direkten Einfluss auf Geschwindigkeit und Kosten hat: Hoher Vertrauensgrad bedeutet hohe Geschwindigkeit und geringere Kosten – niedriger Vertrauensgrad führt zu Verzögerungen und erhöhtem Aufwand.

Vertrauen entsteht aus meiner Sicht jedoch nicht durch Worte, sondern durch konsequentes Handeln. Es braucht Verlässlichkeit, Integrität, klare Erwartungen und gegenseitige Transparenz. Insbesondere Transparenz bedeutet für mich nicht Kontrolle, sondern Orientierung: Klarheit über Ziele, Rollen, Entscheidungswege und Verantwortlichkeiten. Gerade diese Klarheit ermöglicht es, Verantwortung abzugeben und Vertrauen bewusst zu stärken.

Vertrauen heißt für mich auch nicht, Risiken zu ignorieren oder abweichende Auffassungen nicht anzusprechen. Eine offene Fehlerkultur, regelmäßige Kommunikation und regelmäßiges Feedback sind für Vertrauen aus meiner Sicht eine der wesentlichen Voraussetzungen. So können Verantwortlichkeiten klar definiert und in einem komplexen und regulierten Umfeld wie dem Steuerbereich schnell auf Veränderungen reagiert werden. Gerade in Zeiten des stetigen Wandels und der Transformation sehe ich deshalb Vertrauen als einen zentralen Hebel für wirksame Führung – und als einen der wichtigsten Faktoren für den nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens.

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