JUVE Steuermarkt: Frau Oberschelp, die Finanzverwaltung erprobt gerade alternative Prüfungsmethoden – und OBI ist dabei. Was ist das Besondere an diesem Ansatz?
Annika Oberschelp: Das Besondere an diesem Ansatz ist der Wandel von einer reinen Belegprüfung zu einer System- und Prozessprüfung sowie eine auf Vertrauen und Transparenz basierende Beziehung. Dieser kooperative Ansatz kann zu effizienteren Betriebsprüfungen führen, was Vorteile für beide Seiten hat. Wir haben bereits 2019 ein Tax Compliance Management System implementiert und es nach und nach auf die verschiedenen Steuerarten ausgerollt. Anfang 2024 wurden wir dann gefragt, ob wir bei diesem Pilotprojekt mitmachen möchten. Das Ziel ist, herauszufinden, ob und wie die Finanzverwaltung solche Tax CMS künftig für Betriebsprüfungen nutzen kann.
Welchen Vorteil haben Sie als Unternehmen davon?
Für uns ist zunächst wichtig, zu sehen, wie die Finanzverwaltung auf unser Tax CMS blickt. Ist es aus deren Sicht ausreichend und gut aufgestellt? Perspektivisch können wir dadurch natürlich auch Erleichterungen in der Betriebsprüfung bekommen. Außerdem ist es ein sehr kooperatives Projekt. Man arbeitet transparent zusammen, zeigt der Finanzverwaltung die eigenen Risikobewertungen und Kontrollmaßnahmen. Das erfordert viel Vertrauen.
Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit mit der Finanzverwaltung im Rahmen des Projekts wahr? Sehr vertrauensvoll und kooperativ. Das Verhältnis zur Betriebsprüfung war bei uns zwar schon vorher sehr gut, aber es ist noch offener geworden. Die Betriebsprüfung bekommt ein viel besseres Verständnis dafür, wie wir arbeiten. Da gab es auch Aha-Effekte – etwa die Erkenntnis, dass wir bestimmte Dinge schon selbst intensiv prüfen und kontrollieren.
Sie haben Ihr Tax CMS ja schon 2019 implementiert – also noch bevor das Pilotprojekt startete. Was hat sich seitdem in Ihrer Steuerabteilung verändert?
Wir haben 2019 nicht einfach ein neues System eingeführt. Vielmehr haben wir strukturiert unsere Risiken bewertet und definiert, welche Maßnahmen und Kontrollen wir dagegen haben. Viele dieser Kontrollen existierten vorher schon, wir haben sie nur in einen strukturierten Rahmen gebracht und besser dokumentiert. Was sich wirklich verändert hat: Wir sind viel stärker im Unternehmen vernetzt. Durch Interviews mit anderen Bereichen haben wir das Business besser kennengelernt und umgekehrt. Außerdem haben wir regelmäßige Überwachungsmechanismen eingeführt und viele Prozesse mittlerweile digitalisiert.
Würden Sie anderen Unternehmen empfehlen, an solchen Projekten teilzunehmen?
Definitiv – allerdings braucht man ein kooperatives Mindset. Wir haben mit dem Projekt nur positive Erfahrungen gemacht und das Verhältnis zur Betriebsprüfung noch mehr gestärkt. Man merkt auch einen Kulturwandel bei der Finanzverwaltung, die zunehmend prozessorientierter denkt. Für uns war es nur förderlich – eine echte Win-Win-Situation.
Annika Oberschelp spricht bei der Tax Operations Konferenz, die am 7. und 8. Oktober 2026 in Dortmund stattfindet, über ihre Erfahrungen mit dem Tax CMS-Pilotprojekt. Mehr Informationen und Tickets gibt es hier.