Zur Person
Prof. Dr. Karoline Maier ist seit 2025 Professorin für Betriebliche Steuerlehre an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München (Hochschule München, HM Business School). Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten gehört das Thema Steuern und Digitalisierung. Von 2020 bis 2024 war Maier wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin bei Prof. Dr. Deborah Schanz am Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 2015 bis 2020 war sie als Steuerassistentin und Steuerberaterin in zwei Steuerkanzleien tätig.
2019 wurde sie zur Steuerberaterin bestellt.
JUVE Steuermarkt: Frau Maier, was fasziniert Sie am meisten am Einsatz von KI in der Steuerberatung?
Prof. Dr. Karoline Maier: Was mich besonders fasziniert, ist die enorme Geschwindigkeit der Entwicklung. Ich bin regelmäßig auf Fachtagungen unterwegs, und selbst, wenn nur ein oder zwei Monate dazwischenliegen, zeigen sich bereits wieder enorme Fortschritte. Das macht es unglaublich spannend, zu beobachten, wohin die Reise noch geht.
Gleichzeitig gibt es beim Thema KI weiterhin Vorbehalte. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Missverständnisse?
Ein klassisches Missverständnis besteht darin, dass KI den Steuerberater komplett ersetzen wird. Das ist unrealistisch. Steuerberatung ist stark geprägt von Interpretation, Auslegung und rechtlichen Spielräumen. Und nicht zuletzt von Haftungsfragen. Genau hier stößt KI, so leistungsfähig sie mittlerweile auch ist, an Grenzen. Hinzu kommt: KI kann sehr überzeugend falsche Antworten liefern. Deshalb müssen wir uns immer bewusst machen, dass KI zwar ein starkes Werkzeug ist, aber bei der juristischen Normenlogik nach wie vor fehleranfällig sein kann. Genau aus diesem Grund werden wir uns noch sehr lange im Prinzip des Human-in-the-Loop bewegen. Heißt: Wir arbeiten mit der KI zusammen, aber sie wird uns nicht ersetzen.
Wie hat sich die Stimmung in der Steuerberatung beim Thema KI aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren verändert?
Ich habe einen deutlichen Wandel wahrgenommen – von Skepsis hin zu einem echten Chancendenken. Kanzleien und Unternehmenssteuerabteilungen erkennen, dass sie KI einsetzen können, um den Fachkräftemangel abzufedern und in der Arbeit effizienter zu werden. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: Wer KI nicht einsetzt, riskiert, auf dem Markt zurückzubleiben.
Berufseinsteiger müssen lernen, KI-Ergebnisse zu verifizieren.
Was bedeutet das für Studierende und Berufseinsteiger, die zu Ihnen in die Vorlesung kommen?
Die Studierenden fragen mich tatsächlich: „Frau Maier, bekommen wir überhaupt noch einen Job? Oder werden wir irgendwann komplett ersetzt?“ Ich antworte darauf: „Nein, ihr werdet gebraucht!“ Gleichzeitig müssen wir junge Leute heute sogar noch intensiver in der Steuertheorie ausbilden. Denn von einer super klingenden KI-Antwort darf man sich nicht täuschen lassen. Gerade für Studierende oder Berufseinsteiger kann das extrem irreführend sein. Sie müssen lernen, KI-Ergebnisse zu verifizieren, im Zweifel auch zu falsifizieren. Genau das ist der entscheidende Punkt, den wir dem Steuernachwuchs mitgeben müssen: Ja, ihr solltet KI unbedingt nutzen, sie ist ein enorm wertvolles Werkzeug. Aber ihr müsst auch verstehen und lernen, richtig damit umzugehen – und genau das möchte ich mit meinen Studierenden in den Vorlesungen trainieren.
Trotz KI bleibt das materiellrechtliche Wissen also wichtig?
Absolut. Steuergesetze, Richtlinien und Erlasse sind und bleiben die Grundlage unserer Arbeit im Steuerrecht. Daran führt auch künftig kein Weg vorbei. Zwar liefert KI mit den Antworten inzwischen häufig auch Quellenangaben mit, doch diese muss man verstehen, einordnen und vor allem überprüfen können.
Gab es den einen Moment, wo Sie überrascht waren, wie gut KI im steuerrechtlichen Kontext funktioniert?
Ich war von Anfang an sehr offen gegenüber KI. Was mich positiv überrascht hat: Im Steuerrecht muss man viele Gutachten und Stellungnahmen schreiben. Genau hier sind Sprachmodelle enorm wertvoll, weil sie sehr strukturiert und logisch arbeiten. Auch die Zusammenfassung großer Informationsmengen funktioniert erstaunlich gut. Erscheint beispielsweise ein neues BMF-Schreiben, kann eine (steuerlich trainierte) KI die wichtigsten Punkte super zusammenfassen. Ebenfalls hilfreich sind Dokumentenvergleiche. Man gibt zum Beispiel einen Gesetzesentwurf und das verabschiedete Gesetz ein und fragt, was sich geändert hat und was gleichgeblieben ist. Mit KI gelingt dieser Vergleich auf Knopfdruck in wenigen Sekunden.
Geht es beim Einsatz von KI vor allem um Effizienz? Oder auch um Qualität?
Gerade bei repetitiven Tätigkeiten sind wir Menschen fehleranfällig. KI-Systeme können solche Aufgaben dagegen meist konsistent und mit hoher Genauigkeit ausführen. Ein weiteres gutes Beispiel ist das Erkennen von Ausreißern oder Anomalien, etwa in großen Mengen von Umsatzsteuerdaten. Das schafft die KI in kürzester Zeit. Allein die dabei erreichte Konsistenz ist enorm wertvoll und trägt zur Verbesserung der Qualität bei. Darüber hinaus kann KI als Second Opinion einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssteigerung leisten. Das beobachte ich auch bei meinen Studierenden. Viele erstellen zunächst ihre Bachelorarbeit, entwickeln eine Gliederung oder Präsentation und fragen die KI anschließend: „Habe ich Fehler gemacht? Fehlt hier etwas? Wie kann ich es vielleicht besser formulieren?“ Gerade in dieser Rolle ist KI ein hervorragendes Werkzeug zur Qualitätssteigerung.
Wie gehen Sie generell mit der Nutzung von KI in der Lehre um?
Ich fördere den Einsatz von KI. Die Studierenden müssen das später im Beruf ja auch können. Und je früher sie das trainieren, umso besser. Das gilt auch für die Abschlussarbeiten. Aber die Studierenden müssen sehr klar dokumentieren, wie, wo und zu welchem Zweck sie KI eingesetzt haben. Kolloquien und mündliche Prüfungen gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob die Arbeiten selbst verfasst sind oder nicht.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Risiken beim KI-Einsatz?
Das größte Risiko ist blindes Vertrauen. Man darf eine KI-Stellungnahme natürlich nicht ungeprüft an den Mandanten rausschicken. Haftung und Verantwortung bleiben beim Steuerberater. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Datensicherheit. Alle Mitarbeitenden müssen wissen, welche KI sie mit welchen Dokumenten füttern dürfen. Bei sensiblen Mandantendaten muss man weiterhin sehr vorsichtig sein.
Wir müssen noch intensiver in der Steuertheorie ausbilden.
Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird die Steuerberatung in fünf bis zehn Jahren aussehen?
Wie schon gesagt: Für mich bleibt das Prinzip Human-in-the-Loop bestehen. Die Arbeit wird hybrid sein, also eine Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Gestaltungsberatung, Streitfälle, komplexe Strukturen, Haftungs- und Verantwortungsfragen – das muss sich weiterhin der Mensch ansehen. Aber wir werden ein größeres Technologieverständnis benötigen: Wir müssen wissen, wie die KI funktioniert, auf welche Daten sie zugreift und wie belastbar ihre Ergebnisse sind.
Was macht in Zukunft einen guten Berater aus?
Es geht auch künftig um persönliche und soziale Kompetenzen. Der Steuerberater ist für den Mandanten häufig Berater in vielen Lebenslagen. Er nimmt im Gespräch viel mit, hört die persönlichen Verhältnisse raus und spricht Dinge an. Dieses Fingerspitzengefühl, diese menschliche Komponente – das kann KI nicht ersetzen.
Welches Anforderungsprofil benötigt man dafür?
Ich würde es unter drei Punkte fassen: Erstens geht es um Technologieverständnis und Datenkompetenz. Zweitens um den richtigen Umgang mit KI: Wie prompte ich, wie plausibilisiere ich Ergebnisse? Das erfordert kritisches Denken. Und drittens um die Beratungskompetenz: Dass Mandanten mir vertrauen und ich sie als Menschen gut an die Hand nehme. Genau hier kommt das Fingerspitzengefühl ins Spiel, das einen guten Berater ausmacht und letztlich nicht durch KI zu ersetzen ist.
Welchen einen Rat würden Sie Steuerexperten beim Umgang mit KI geben?
Nutzen Sie KI, aber niemals unkontrolliert. Wer beim Thema KI wartet, verliert Zeit und Know-how im Umgang mit der Technologie. Wer blind einsteigt, riskiert Fehler. Der größte Fehler wäre, KI nicht zu nutzen – aber mit der nötigen Vorsicht und in einem Umfang, in dem man sicher damit umgehen kann.

Dieses Interview ist Teil der neuen Sonderpublikation JUVE Tax Operations, die am 12. Juni 2026 erscheint. Neben Analysen und Hintergrundberichten stellen wir Ihnen darin 15 Beratungshäuser mit Blick auf ihre Tax-Technology- und Transformationsstrategien vor.