Hintergrund Analyse

Steuerstreit: Früher, komplexer, strategischer

Weniger finanzgerichtliche Verfahren gleich weniger Steuerstreit? Weit gefehlt. Das JUVE-Ranking Steuerstreit zeigt ein Beratungsfeld, das immer wichtiger und strategischer wird.

von Verena Clemens

Die Zahl der Verfahren vor den deutschen Finanzgerichten sinkt seit Jahren. Doch wer daraus schließt, das Thema Steuerstreit verliere an Gewicht, liegt falsch. Berater berichten übereinstimmend von steigender Belastung – nicht wegen mehr Fällen, sondern wegen deren Beschaffenheit: Sie dauern länger, binden mehr Ressourcen und verlangen strategische Steuerung. „Die Fälle ziehen sich erheblich länger und binden deutlich mehr Ressourcen als früher“, heißt es aus dem Umfeld einer großen Wirtschaftskanzlei. Zeiträume von fünf, zehn oder mehr Jahren vom Einspruch bis zur finalen Entscheidung sind vielerorts Realität.

Der Streit beginnt in der Betriebsprüfung

Die wichtigste Verschiebung im Markt: Steuerstreit wird nicht nur vor Gericht ausgefochten. Betriebsprüfungen werden immer wichtiger und dort wird mitunter mit harten Bandagen gekämpft. „Die Finanzverwaltung ist weniger kompromissbereit als früher“, beobachtet der Partner einer großen Steuerberatungsgesellschaft.

Gleichzeitig zeigt sich ein Gegeneffekt: Gut aufbereitete Fälle führen immer häufiger dazu, dass Finanzämter ihre Auffassung ganz oder teilweise aufgeben. Tax Controversy wird damit zur Frage strategischer Verfahrensführung mit dem Ziel, den Konflikt zu lösen, bevor er das Gericht erreicht.

Verrechnungspreise im Fokus

Inhaltlich hat sich das Spektrum der Streitthemen ausgeweitet. Neben der Umsatzsteuer als Dauerbrenner haben sich Verrechnungspreise als zweites großes Streitfeld etabliert. „Transfer Pricing ist längst voll im Streit angekommen“, bringt es ein Berater auf den Punkt.

Für international tätige Einheiten wie PricewaterhouseCoopers, KPMG, Deloitte, WTS oder Baker McKenzie prägen diese Streitigkeiten die Praxis bereits maßgeblich, oft verbunden mit der Notwendigkeit, mehrere Jurisdiktionen gleichzeitig zu koordinieren.

Schnittstelle zum Steuerstrafrecht wächst

Parallel wächst die Bedeutung der Schnittstelle zum Steuerstrafrecht. Bei größeren Betriebsprüfungen oder strukturierten Sachverhalten steigt das Risiko der Eskalation in ein Straf- oder Bußgeldverfahren. Viele Einheiten reagieren mit interdisziplinären Teams.

Wirtschaftskanzleien wie Hengeler Mueller oder Heuking spielen hier ihre Stärke aus. Spezialisten wie LHP Luxem Heuel Prowatke besetzen gezielt Nischen, etwa bei Kryptowährungen oder hoch spezialisierten steuerstrafrechtlichen Fragen.

Verständigung, Internationalisierung, Technologie

Die Internationalisierung vieler Verfahren führt zu engerer Zusammenarbeit mit ausländischen Netzwerken: Grenzüberschreitende Abstimmung ist tägliches Geschäft. Zugleich wächst die Nachfrage nach Verständigungsverfahren, denn Mandanten wollen den langen Instanzenweg vermeiden. Doch auch diese Verfahren erweisen sich als ressourcenintensiv. Der schnelle Kompromiss bleibt oft Illusion.

Technologie verändert die Streitpraxis zusätzlich. Künstliche Intelligenz und Automatisierung gewinnen an Bedeutung, etwa bei der Auswertung großer Datenmengen oder umfangreicher Verfahrensakten. Das verschiebt die Arbeitsweise der Teams spürbar.

ZUM RANKING

Sie wollen kein JUVE-Ranking mehr verpassen? Dann melden Sie sich für den JUVE Rankings Monthly an. In der kommenden Ausgabe am 03. Juli geht es um die angesehensten Beratungsgesellschaften im Bereich Zoll und Verbrauchsteuern.

Noch kein JUVE+ Abo? Wenden Sie sich an unsere Abo-Spezialisten!
Übrigens: Inhouse-Nutzern bieten wir einen kostenfreien Zugang zu JUVE+ an.

Gerne dürfen Sie unseren Artikel auf Ihrer Website und/oder auf Social Media zitieren und mit unserem Originaltext verlinken. Der Teaser auf Ihrer Seite darf die Überschrift und einen Absatz des Haupttextes enthalten. Weitere Rahmenbedingungen der Nutzung unserer Inhalte auf Ihrer Website entnehmen Sie bitte unseren Bedingungen für Nachdrucke und Lizenzierung.

Für die Übernahme von Artikeln in Pressespiegel erhalten Sie die erforderlichen Nutzungsrechte über die PMG Presse-Monitor GmbH, Berlin.
www.pressemonitor.de