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Marktentwicklung

Steuerstreit

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Die Zahl der Verfahren vor den Finanzgerichten sinkt seit Jahren – und dennoch gewinnt das Thema Steuerstreit weiter an Bedeutung. Was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt, hat sich im Markt längst als neue Realität etabliert: Tax Controversy hat sich von einem reaktiven Tätigkeitsfeld zu einem integralen Bestandteil der steuerlichen Beratung entwickelt.

Zwar wird – nachdem der Bundesfinanzhof (BFH) seinen 11. Senat zuletzt geschlossen hat –über eine mögliche weitere Reduzierung der Senate beim BFH spekuliert, doch aus der Praxis kommen deutlich andere Signale. Viele Berater berichten übereinstimmend von einer steigenden Belastung durch streitige Mandate – allerdings nicht zwingend durch mehr Verfahren, sondern durch deren zunehmende Komplexität und Dauer. „Die Fälle ziehen sich erheblich länger und binden deutlich mehr Ressourcen als früher“, heißt es aus dem Umfeld einer großen Wirtschaftskanzlei. Tatsächlich sind Zeiträume von fünf, zehn oder mehr Jahren vom Einspruch bis zur finalen Entscheidung keine Seltenheit mehr.

Eine zentrale Entwicklung liegt dabei in der Vorverlagerung des Steuerstreits. Konflikte entstehen nicht erst vor Gericht, sondern schon in der Betriebsprüfung – und werden dort zunehmend hart geführt. „Die Finanzverwaltung ist weniger kompromissbereit als früher“, beobachtet der Partner einer großen Steuerberatungsgesellschaft. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis ein gegenläufiger Effekt: Gut aufbereitete Fälle führen immer häufiger dazu, dass Finanzämter ihre ursprüngliche Auffassung im Verfahrensverlauf ganz oder teilweise aufgeben. Der Steuerstreit wird damit stärker zu einer Frage strategischer Verfahrensführung und weniger zu einem reinen Gerichtsprozess.

Inhaltlich hat sich das Spektrum der Streitfelder deutlich verbreitert. Neben der Umsatzsteuer als Dauerbrenner rücken Verrechnungspreise immer stärker in den Fokus. Was lange als Domäne der Betriebsprüfung galt, wird heute zunehmend auch vor Gerichten oder in parallelen Verständigungsverfahren ausgetragen. „Transfer Pricing ist längst voll im Streit angekommen“, so die Einschätzung eines Beraters. Ein Bereich, der insbesondere die Streitpraxis von international tätigen Einheiten wie PricewaterhouseCoopers, KPMG, Deloitte, WTS oder auch Baker McKenzie prägt.

Hinzu kommen komplexe Einzelfragen etwa aus dem internationalen Steuerrecht, dem Umwandlungsteuerrecht oder der Besteuerung grenzüberschreitender Strukturen, die häufig eine enge Abstimmung über mehrere Jurisdiktionen hinweg erfordern. Parallel dazu gewinnt die Schnittstelle zum Steuerstrafrecht weiter an Bedeutung. Gerade bei größeren Prüfungsfällen, Transaktionen oder strukturierten Steuersachverhalten steigt das Risiko einer Eskalation in Richtung Bußgeld- und Strafverfahren. Entsprechend positionieren sich viele Einheiten breiter und setzen verstärkt auf interdisziplinäre Teams.

Während Wirtschaftskanzleien wie Hengeler Mueller, Heuking oder die neu gegründete Boutique Breutac hier ihre klassische Stärke ausspielen, bauen auch WP- und Steuerberatungsgesellschaften ihre Kompetenzen gezielt aus. Boutiquen wie LHP Luxem Heuel Prowatke wiederum besetzen gezielt Nischen – etwa im Bereich Kryptowährungen oder bei hoch spezialisierten steuerstrafrechtlichen Fragestellungen.

Auch strukturell verändert sich die Arbeit in den Steuerstreitteams. Die zunehmende Internationalisierung vieler Verfahren – etwa bei Verrechnungspreisen oder Doppelbesteuerung – führt zu einer engeren Zusammenarbeit mit ausländischen Einheiten und Netzwerken. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Verständigungsverfahren deutlich. „Viele Mandanten wollen den langen Weg durch die Instanzen vermeiden“, heißt es aus der Praxis, auch wenn sich diese Verfahren inzwischen selbst als langwierig und ressourcenintensiv erweisen.

Schließlich halten auch technologische Entwicklungen Einzug in die Streitpraxen der Republik. Der Einsatz von Automatisierung und KI – etwa bei der Auswertung großer Datenmengen oder umfangreicher Verfahrensakten – gewinnt an Bedeutung und verändert die Arbeitsweise der Teams spürbar. Der Steuerstreit wird damit nicht nur fachlich anspruchsvoller, sondern auch organisatorisch und technisch komplexer. Unterm Strich zeigt sich ein klarer Trend: Auch wenn die Zahl der klassischen Gerichtsverfahren rückläufig ist, wächst die Bedeutung von Tax Controversy als eigenständige Beratungsdisziplin weiter. Für viele Einheiten ist sie längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Baustein ihres Geschäftsmodells – und ein Feld, in dem sich Spezialisierung, Erfahrung und strategisches Fingerspitzengefühl zunehmend auszahlen.

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