Mentoring-Programm

„Hochschulen haben Bildungsauftrag auf die Unternehmen verlagert“

Seit 2007 leitet Prof. Dr. Alexander Barth das Institut für Akademische Fortbildung (IAF). Im Interview spricht der Hochschullehrer der Leuphana Universität Lüneburg über die Notwendigkeit eines privaten Mentoring-Programms für den steuerberatenden Mittelstand, die fehlende Akademisierung des Steuerrechts in Deutschland und darüber, wieso viele Studierende die Big Four erst gar nicht als Arbeitgeber in Betracht ziehen.

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Alexander Barth bringt Studierende und Kanzleien zusammen.

JUVE Steuermarkt: Wofür steht das von Ihnen gegründete Institut für Akademische Fortbildung (IAF)?
Prof. Dr. Alexander Barth:
Das IAF Institut ist ein Fortbildungsunternehmen, das – grob erklärt – auf zwei Säulen fußt. Zum einen entwickeln wir Fortbildungsprogramme „made to measure“ und bedienen damit den spezifischen steuer- und wirtschaftsrechtlichen Fortbildungsbedarf der Berufsträger – also der Steuerberater, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer und deren Mitarbeiter. Zum anderen haben wir die sogenannten T4P-Academy – kurz für: Tax for practice – ins Leben gerufen. Unter dem Dach der Academy bilden wir Jungakademiker und -akademikerinnen mit dem Ziel aus, sie an den Beruf des Steuerberaters und des Steuerjuristen heranführen. Außerdem bilden wir zum Beispiel Junganwälte aus Großkanzleien, die in ihrer juristischen Ausbildung in der Regel keine Berührung mit dem Steuerrecht und dem betrieblichen Rechnungswesen hatten, im Bilanzrecht aus, um ihnen zu zeigen, welchen Erkenntniswert die verschiedenen Bilanzen haben.

Großkanzleianwälte, die Bilanzrecht brauchen sind aber doch eher die Ausnahme.
Es geht nicht darum, dass die Anwälte am Ende des Tages eine Buchführung erstellen können. Wir erklären ihnen zum Beispiel, wie Werte in Bilanzen zustande kommen und welche Grundsätze bei der Bilanzierung gelten. Unser T4P-Programm ist ein Mentoring-Programm für den steuerberatenden Mittelstand. Ziel des Programms ist die Heranführung von Hochschulabsolventen an den Beruf des mittelständischen Steuerberaters.

Für wen ist das Mentoring-Programm besonders interessant?
T4P bringt Studierende und mittelständische Steuerberatungsunternehmen zusammen. Das Programm ist dabei auf den spezifischen fachlichen Bedarf des Mittelstandes zugeschnitten. Mentoren werden in der Regel Berater aus mittelständischen Steuerberatungsunternehmen mit mehr als 100 fachlichen Mitarbeitern und einer mittelständischen Mandantschaft. Kooperationspartner von T4P sind zum Beispiel RTC Treuhand und Fides Treuhand aus Bremen, Schlarmann von Geyso aus Hamburg und Gehrke Econ aus Hannover.

Eigene Programme sind für solche Gesellschaften also nicht interessant?
Unser Programm ist für unsere Kooperationspartner ein Alleinstellungsmerkmal bei „der Jagd um kluge Köpfe“ auf einem Arbeitnehmermarkt und ebnet über das integrierte viermonatige Fortbildungsprogramm den Weg der Studierenden von der Hochschule in die Praxis. Das Programm erhöht damit nicht nur die Attraktivität der Unternehmen im Wettbewerb mit den Big Four und den Next Six, sondern senkt die Mitarbeiterfluktuation in den Gesellschaften und erhöht die Produktivität der Mitarbeitenden. Sie bedanken sich für den finanziellen und persönlichen Einsatz der Mentoren mit Engagement im Beruf und auch mit einer starken Identifikation mit dem Unternehmen ihres Mentors.

Wie funktioniert das Programm genau?
Mittelständische Steuerberatungsunternehmen fungieren als Mentoren für die Studierenden. Über Praktika oder eine Werksstudententätigkeit führen sie Studierende frühzeitig an ihr Unternehmen und an den Beruf des Steuerberaters heran. So vertiefen die Studierenden ihr an den Hochschulen erworbenes Wissen in der Praxis, lernen das Unternehmen des Mentors kennen und erfahren so, warum der Beruf des Steuerberaters zu den spannendsten und facettenreichsten Beratungsberufen überhaupt gehört.

Was lernen die Studierenden konkret während des Programms?
Studierende lernen den Beruf des mittelständischen Steuerberaters sowohl in fachlicher Hinsicht als auch in der Interaktion mit der mittelständischen bunt gemischten Mandantschaft kennen. Letzteres ist wichtig, denn die fachliche Seite ist nur ein Schlüssel zum Erfolg als künftiger Berater. Im Rahmen des viermonatigen Fortbildungsprogramms werden Hochschulabsolventinnen und -absolventen fachlich, das heißt in den Kernbereichen des Steuerrechts ausgebildet. Dazu gehören Buchführung und Bilanzrecht, Einkommensbesteuerung, Umsatzsteuerrecht, Besteuerung von Personengesellschaften und Besteuerung von Kapitalgesellschaften und deren Anteilseigner, Gewerbesteuerrecht, Abgabenordnung. Die Fortbildung ist, wie die spätere Steuerberaterausbildung, fallorientiert und zudem praxisnah. Die Studierenden lernen zum Beispiel, wie man Lösungen zu Fallstudien entwickelt und gehen damit den ersten Schritt zu den Klausuren des Steuerberaterexamens.

Das klingt nicht gerade nach dem zunehmend stärker geforderten Spezialwissen.
Beim Mentoring-Programm geht es nicht um Spezialisierung, sondern darum, den Bedarf eines generalistisch ausgerichteten Steuerberaters zu decken. Bei sehr großen Gesellschaften geht es schon sehr speziell zu. Das ist aber nicht unser Ansatz. Über das Mentoring-Programm erlernen die Studierenden das Steuerberatergeschäft von der Pike auf, indem sie nach der theoretischen Ausbildung an der T4P-Academy in der Praxis an das Deklarationsgeschäft, das Rechnungswesen und sogar die Wirtschaftsprüfung herangeführt werden. Spezialwissen erwerben die Hochschulabsolventen in einer späteren beruflichen Phase über unser Fortbildungsangebot für Berufsträger und deren Mitarbeiter.

Wo nehmen Sie die Dozenten für das Institut her?
Alle Dozenten des IAF Instituts sind wie ich Praktiker, also Steuerberater, Finanzbeamte oder Richter, mit Lehrerfahrung an öffentlichen Hochschulen, den internen Fachhochschulen der Finanzverwaltung sowie freiberuflich tätige Dozenten. Im Rahmen des T4P-Programms werden nur Dozenten eingesetzt, die besondere Erfahrung mit der Ausbildung von Studierenden und Hochschulabsolventen haben. Das Didaktische ist eben auch sehr wichtig. Ein perfekter Steuerberater ist noch kein guter Dozent. Geht es um spezielle Themen wie z.B. Umsatzsteuern, Betriebsprüfung, Kassenwesen oder Investmentsteuerrecht haben wir es natürlich mit einem anderen Schlag von Dozenten zu tun – diese kommen auch aus der Praxis und sind dort Spezialisten für ihr Thema.

Sie sind selbst Dozent an der Universität. Ist es nicht eigentlich Aufgabe der Hochschulen, Ihre Arbeit im Zuge des Mentoring-Programms zu übernehmen?
Da muss ich Ihnen auf der einen Seite zustimmen, aber auf der anderen Seite auch die Hochschulen in Schutz nehmen. Mit der Umstellung der Studiengänge von achtsemestrigen Diplomstudiengängen auf sechssemestrige Bachelorstudiengänge mussten die Curricula reduziert werden. Dies ging in den klassischen Studiengängen wie der BWL oder des Wirtschaftsrechts zu Lasten der Spezialisierungen. An meiner Hochschule konnten wir zu Diplomzeiten Studierenden 15 bis 18 Module Steuerrecht und Rechnungswesen anbieten. Davon sind heute noch ganze sechs übriggeblieben. Die Hochschulen müssen also entscheiden, ob sie spezialisierte Studiengänge anbieten oder auf eine intensive Ausbildung für den Beruf des Steuerberaters verzichten. Die Zahl der Rechtsanwälte liegt zwischen 140.000 und 150.000 und ist mittlerweile sogar rückläufig. Trotzdem gibt es haufenweise juristische Lehrstühle und Angebote. Vor dem Hintergrund, dass mittlerweile etwa 100.000 Steuerberater in Deutschland niedergelassen sind, könnte es für Hochschulen durchaus sinnvoll sein, sich hier stärker zu engagieren und sogar ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln. Tatsächlich haben die Hochschulen ihren Bildungsauftrag jedoch auf die Unternehmen verlagert.

Wunscharbeitgeber für viele Studierende sind die Steuerfunktionen großer Konzerne oder auch die Big Four. Müssen Sie also viel Überzeugungsarbeit leisten?
Diese Sichtweise teile ich nicht. Im Rahmen von Workshops bin ich der Frage nachgegangen, wie Studierenden den für sich idealen Arbeitgeber finden. Natürlich fallen einem zunächst die großen Namen ein. Aber tatsächlich wünscht sich nach meinem Kenntnisstand ein großer Teil der Studierenden, den Beruf des Steuerberaters von der Pike auf zu erlernen. Nicht frühzeitige Spezialisierung ist gewünscht, sondern ein Karrieretrack, der mit Buchhaltung, Jahresabschlussarbeiten und Deklarationen beginnt, Tätigkeiten in der Wirtschaftsprüfung inkludiert und auf diesem Fundament auch eine Spezialisierung ermöglicht. All dies findet ein Hochschulabsolvent im steuerberatenden Mittelstand. Ich halte diese Präferenz auch für klug, denn nach dem Steuerberaterexamen erfolgt häufig eine Neuorientierung. Bleibe ich bei meinem Arbeitgeber, weil mir attraktive Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet werden oder mache ich mich selbständig oder wechsele zu den Big Four oder Next Six. Diese Optionen bestehen aber nur, wenn der Berufseinsteiger in den Jahren vor dem Beraterexamen eine breitgefächerte Ausbildung erfahren hat.

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