Kommentar zur Berufsstatistik der BStBK

Das Benjamin-Button-Syndrom

Die Bundessteuerberaterkammer hat kürzlich wieder eine Berufsstatistik zu Steuerberaterinnen und Steuerberatern, also den eigenen Kammermitgliedern, für das Jahr 2021 herausgegeben. Die Betrachtung auf die eigenen Zahlen der Kammer sind - euphemistisch gesprochen - sehr pointiert. Sie leugnet mit ihren Aussagen den Fachkräftemangel im Steuermarkt.

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„Abwechslungsreiche Tätigkeiten, Zukunftssicherheit und zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten: Das lockt besonders junge Menschen – wie die 866 neu zugelassenen Berufsangehörigen zeigen. So kann sich der steuerberatende Beruf am hart umkämpften Arbeitsmarkt behaupten. Über diesen Zuspruch freuen wir uns.“ So lässt sich Kammerpräsident Prof. Dr. Hartmut Schwab in einer Pressemitteilung zu den Zahlen der Berufsstatistik 2021 zitieren.

Von wegen Überalterung oder Nachwuchssorgen – denn die Zahlen sagen ja, dass ‚alles gut ist!’, will man dem obersten Steuerberater Schwab in seiner Aussage spontan beipflichten. Benjamin Button bei der Beraterkammer –  andere beklagen einen demographischen Wandel; die Kammer dagegen badet im Jungbrunnen anhaltender Attraktivität. Doch kann man die Schlüsse, die Schwab zieht, wirklich aus den Zahlen seiner Kammer entnehmen?

Die Berufsstatistik der Bundessteuerberaterkammer addiert und summiert brav den Status Quo, ohne Fragen zu stellen oder die Zahlen in einen Kontext oder Zusammenhang zu rücken. Dabei drängen sich Fragen beim Lesen der 20-seitigen Publikation nahezu auf: Dass bereits die Zahl der 886 neu zugelassenen Berufsangehörigen geschönt ist, weil die Kammer großzügig neue Mitgliedsgesellschaften und neue Mitgliedspersonen zusammengezählt hat, sei noch geschenkt. In Wirklichkeit stehen nämlich nur 441 Personen hinter dem Zuwachs, dem die Kammer attestiert, dass sich der Berufsstand damit am Arbeitsmarkt erfolgreich behauptet.

Schon alleine die Big-Four-Gesellschaften in Frankfurt beschäftigen und brauchen ein Vielfaches dieser Zahl an steuerlichen Berufstragenden. Reicht so ein Zuwachs dann auch für die gesamte Republik? Dazu schweigt die Kammer. Weder gibt es Zahlen dazu, wann und wie viele Steuerberaterinnen und Steuerberater in den Ruhestand gehen, noch wie hoch der Bedarf an steuerlichen Berufstragenden angesichts von Digitalisierung und Prozessoptimierung überhaupt noch ist, geschweige denn zu welchem Prozentsatz gerade die älteren Semester unter den Kammermitgliedern eigentlich noch am Erwerbsleben teilnehmen.

Je weiter man sich in die Berufsstatistik der Kammer vertieft, desto mehr Fragen kommen auf. Zumal die Bundessteuerberaterkammer in jährlicher Regelmäßigkeit eine Aufschlüsselung an Zahlen präsentiert, die aufhorchen lässt: nämlich die Altersstatistik der Mitglieder. Vor fast zehn Jahren hat die Kammer begonnen in der vorliegenden Art Berufsstatistiken herauszugeben. 2013 lag dabei der Anteil der Steuerberaterinnen und Steuerberatern über 61 Jahre noch bei 25,5 Prozent. 2021 machte diese Gruppe schon 30 Prozent der Mitglieder aus. Der demografische Wandel macht sich also bereits auch im Steuermarkt bemerkbar.

Und: Bei einer Kammer mit rund 90.000 natürlichen Personen als Mitgliedern entsprechen 30 Prozent einer Menge von 27.000 Steuerberatenden. Zehntausende also, die entweder schon im Ruhestand sind oder kurz davor. 441 frisch examinierte Mitglieder sollen in Zukunft – überspitzt gesagt – also das auffangen, was bisher zig Tausende geschultert haben? Die Kammer ist weder alleine Schuld an dieser Misere, noch kann sie dieses Problem alleine lösen. Irgendwie fragt man sich aber trotzdem, was das kammerliche Postulat des „sich am Arbeitsmarkt behaupten“ in diesem Kontext dann eigentlich genau bedeutet.

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