Internationale Steuerabteilungsleiterinnen im Interview

„Ich bin stolz auf mein Team und nehme es nicht als selbstverständlich hin“

Internationale Steuerfragen wie Pillar II beschäftigen Inhouse-Experten rund um den Globus. Johanna Rohwer, Head of Tax bei KWS in Berlin, erzählt im Interview, mit welchen Ländern die Streitbeilegung schwierig ist und warum ihr Team gerade viele Themen auf einmal stemmen muss.

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„Seitdem ich auf die Seite der Industrie gewechselt bin, ist meine Faszination für Steuern noch gewachsen und es macht einfach Spaß“, sagt Johanna Rohwer, Steuerchefin beim Saatgutunternehmen KWS in Berlin. Dort führt sie seit Januar 2021 eine Abteilung mit 26 FTE und berichtet an den Head of Global Finance & Procurement. Zuvor baute sie für das Tourismusunternehmen GetYourGuide die Steuerfunktion auf. Berufliche Erfahrung sammelte die Juristin unter anderem bei Bombardier, Hogan Lovells und PricewaterhouseCoopers (PwC).

Was sind die drei Steuerarten, die Sie aktuell am meisten beschäftigen?
Die deutschen Betriebsprüfungen erfordern in unserer Abteilung derzeit viel Aufmerksamkeit, da aktuell weit zurückliegende Jahre geprüft werden. Das birgt natürlich Risiken, die zu einem gewissen Grad schwer einzuschätzen sind (ohne Bezugnahme auf IFRIC 23). Außerdem bereiten wir uns auf verschiedene Steuerinitiativen wie die deutsche Grundsteuer oder Pillar II der OECD vor. Beide sind unbekanntes Terrain, was die Ressourcenplanung in Bezug auf Personal, Budget und IT zu einer Herausforderung macht. Und drittens ist da aktuell unser Jahresabschluss: Der ist bei KWS im Sommer, was viel Aufmerksamkeit und Ressourcen bindet. Die Steuerabteilung wurde erst kürzlich eingerichtet und ich bin stolz auf das Engagement meines Teams, all diese Projekte zu stemmen und gleichzeitig hervorragende Arbeit zu leisten.

Was sind Ihre Erfahrungen mit internationaler Streitbeilegung und -vermeidung?
Ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der internationalen Steuerstreitbeilegung gemacht. Von zugänglich und reaktionsschnell wie in den Niederlanden bis hin zu sehr schwierig und komplex wie bei der Volksrepublik China. Entgegen dem Ruf der deutschen Finanzbehörden als „Bremser“ empfand ich sie in einigen Fällen durchaus als Unterstützung, da sie ein Gespür für unser Geschäft bewiesen haben.

Ist Pillar II für Ihr Unternehmen relevant und wie positionieren Sie sich dort aktuell? Sehen Sie sich eher als First Mover oder Follower?
Ja, Pillar II ist für KWS relevant und wir werden ein entsprechendes Projekt starten. Ich ich weiß, dass einige Unternehmensgruppen damit bereits begonnen haben, daher würde ich sagen, dass KWS in der Mitte zwischen First Mover und Follower liegt.

Wie begegnen Sie dem Fachkräftemangel?
Wir haben das Glück, dass alle Stellen in der Steuerabteilung besetzt sind, und ich bin, wie gesagt, stolz auf mein Team, seine Fähigkeiten und sein Engagement. Ich nehme dies jedoch nicht als selbstverständlich hin und achte darauf, das Personal auch zu halten, und lasse mir dafür auch einiges einfallen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass nicht nur Beratungsgesellschaften, sondern auch Unternehmen in die Ausbildung ihrer Mitarbeitenden investieren – von der Begleitung der Studierenden bei ihrer Masterarbeit bis hin zur Unterstützung bei der Steuerberaterprüfung. Ein tolles Vorbild ist hier unsere Rechts- und IP-Abteilung, die die Patentanwältinnen und Patentanwälte inhouse ausbildet.

Dieses Jahr findet der IFA-Kongress in Deutschland statt – was ist Ihre Sicht auf das deutsche Steuerrecht und welche Erfahrungen haben Sie mit dem deutschen Steuersystem gesammelt?
Als deutsche Steuerexpertin habe ich eine Innensicht auf unser System. Meine Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Zwei Extreme waren zum einen die schnelle Entscheidung der Finanzbehörden zu Beginn der Pandemie zu einem Thema, das für meine damalige Arbeitgeberin sehr wichtig war. Und zum anderen habe ich einmal gut vier Jahre auf eine Antwort des Bundeszentralamts für Steuern gewartet und inklusive zahlreicher Schleifen durch die Abteilungen des BZSt.

Das Interview ist Teil einer Serie und entstand in nicht-kommerzieller Kooperation mit Win@Ifa, der Frauenorganisation der International Fiscal Association. Die International Fiscal Association (Ifa) ist eine neutrale, unabhängige, nicht lobbyistische Organisation. Zweck der Ifa ist das Studium und die Förderung des internationalen und des vergleichenden Steuerrechts. Die Ifa verwirklicht ihren Zweck durch wissenschaftliche Forschung, die Veranstaltung von Kongressen und Seminaren und die Herausgabe von Studien. Derzeit gehören der Ifa weltweit mehr als 11.000 Mitglieder an, sowohl natürliche Personen als auch Unternehmen. In diesem Jahr findet der Ifa-Kongress Anfang September in Berlin statt.

Das Women in Ifa Network (Win) ist ein Netzwerk von Frauen innerhalb der Ifa, die im internationalen Steuerbereich tätig sind. Win Global und Win Germany fördern den fachlichen Austausch durch das Win Seminar und Win in Conversation und führen kulturelle Veranstaltungen durch, zum Beispiel die Win Reception, das Win Luncheon und die Win Lounge.

Übersetzung des englischen Originalinterviews: Catrin Behlau
Please find the English Version here.

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