Kommentar

Noch immer Neuland

Ehemalige EY-Partner gründen eine reine Tax-Tech-Boutique, EY selbst schafft ihre auf Technologie spezialisierte Einheit quasi ab. Diese Entwicklungen sind kein Widerspruch. Sie zeigen nur, dass sich der Markt für Tax Tech weiter wandelt.

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Wer erinnert sich nicht? Vor mittlerweile fast neun Jahren wird Angela Merkel zur Lachnummer im Netz. Der Satz „Das Internet ist für uns alle Neuland“ sorgte vor allem in den sozialen Medien für viel Häme und Spott. Ob verdient oder nicht, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Was Merkel aber eigentlich sagen wollte: Technologie und Digitalisierung unterliegen einem stetigen Wandel und müssen immer wieder neu austariert werden.

Diese Erfahrung macht im Moment auch der Steuermarkt. So sind mittelgroße Steuerberatungskanzleien, Next-Six-Gesellschaften und zum Teil selbst klassische Wirtschaftssozietäten in den vergangenen Jahren dazu übergangen, Experten zu holen, die sich (fast) ausschließlich mit dem Thema Tax Technology befassen. Oder sie haben intern Know-how und Kapazitäten gebündelt. Vorbilder waren und sind wohl nach wie vor die Big-Four-Gesellschaften.

Und jetzt? Macht ausgerechnet Ernst & Young (EY), die zu den Marktführern in Sachen Tax Tech und Tax Transformation gehört, eine Rolle rückwärts: Die Big-Four-Gesellschaft hat bekannt gegeben, die Berater des Tax Transformation & Technology-Teams (kurz: TTT) in die Sub-Service-Lines zu integrieren. Es wird bei EY künftig – zumindest in Deutschland – zum Beispiel Tech-Experten geben, die sich dem Konzern- oder Umsatzsteuerteam anschließen.

Nun könnte man meinen, dass der Schritt, das Thema Tax Tech organisatorisch dezentraler aufzustellen, aus der Not heraus geboren wurde. Immerhin hat sich das TTT-Team in den vergangenen Jahren kontinuierlich verkleinert, einige Partner haben die Praxis verlassen. Oder man schenkt EY Glauben und versteht diese Entwicklung als strategischen Move sowie als Zugeständnis an die Bedürfnisse der Mandanten.

Sprich: Tax Tech wird immer mehr zur ,normalen Beratungsleistung‘, der Mandant will nicht auch noch gesondert dafür zahlen. Da ist es auf den ersten Blick umso überraschender, dass sich ausgerechnet ein erfahrener Tax-Tech-Experte wie Ralph Doll einer jungen und kleinen Einheit wie der Bonner Boutique Greenfield anschließt, die sich quasi ausschließlich – und ähnlich wie das bisherige TTT-Team von EY – mit der Materie beschäftigt.

Auf den zweiten Blick ist es aber logisch: Der Tax-Tech-Markt sortiert sich gerade neu. Dazu passt auch die Personalie Doll. Die Gretchenfrage, ob Steuerberatungsgesellschaften bei IT- Tools komplett auf eigene Lösungen oder aber auf die Kooperation mit externen IT-Häusern setzen, ist mittlerweile weitgehend beantwortet: Große Einheiten setzen auf beides, kleinere müssen – allein aufgrund mangelnder finanzieller und personeller Kapazitäten – ausschließlich auf externe Lösungen setzen. Da hat jemand wie Doll, der in der Vergangenheit eher für eigene Lösungen stand, bei EY offenbar keinen Platz mehr gehabt. Bei einer kleineren und agilen Einheit wie Greenfield dürfte Dolls Erfahrung und Netzwerk allerdings Gold wert sein.

Nun bleibt abzuwarten, was sich am Ende durchsetzt. Insofern könnte die Entscheidung von EY, Technologie in die einzelnen Sub-Service-Lines zu integrieren, nicht eine Rolle rückwärts, sondern – im Gegenteil – Pionierarbeit sein. Dann hätte die Big-Four-Gesellschaft in der Tat Neuland betreten. Genauso wie Greenfield übrigens, die im Markt so bislang einzigartig sind.

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