Pro und Contra

Sollten die Big Four Prüfung und Beratung trennen?

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  • JUVE

In den vergangenen Tagen haben sich die Zeitungen überschlagen: Ernst & Young, so kolportierte es zumindest die Wirtschaftspresse, überlege weltweit sein Prüfungsgeschäft abzuspalten. Die JUVE Steuermarkt-Redaktion ist sich ob dieser Schlagzeilen uneins. Richtig so, meint Daniel Lehmann. Dieser Schritt sei längst überfällig, denn eine Abspaltung stärke das Beratungsgeschäft. Götz Kümmerle hält dagegen: Eine solche Entwicklung würde das Oligopol der Big Four in der Steuerberatung nur noch mehr zementieren – und zudem ganz allgemein die Prüfungsqualität mindern.

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Pro: „Niemand müsste mehr auf Geschäft verzichten.“

Daniel Lehmann

Vor Kurzem sprach ich mit der Partnerin einer Big-Four-Gesellschaft zum Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz – kurz FISG. Auf die Frage, wer denn auf das Mandat verzichtet, wenn es einen Konflikt mit der Prüfung gebe, folgte zunächst: Schweigen. Dann die vage Antwort: „Dafür findet das Management schon eine Lösung.“

Wie diese aussehen soll, konnte mir die Partnerin nicht sagen. Dabei liegt eine Lösung auf der Hand: Die Trennung von Beratung und Prüfung. Und es gibt gute Argumente, wieso Ernst & Young (EY) – und übrigens auch die anderen Big Four – diesen Schritt ohne Probleme gehen können, ja sogar gehen sollten.

Eine Trennung hätte keine Auswirkungen auf das Kerngeschäft: Es ist ja richtig und wichtig, dass sich Berater und Prüfer austauschen. MDP-Kanzleien betonen immer wieder, wie wertvoll es sei, dass sie bei Transaktionen nicht nur Legal und Tax, sondern auch Financial Due Diligence, die in der Regel ja von Wirtschaftsprüfern erledigt wird, mit anbieten können. Nur: Das können WTS und Andersen auch. Und beide Gesellschaften verzichten ganz bewusst auf die Prüfung. Denn für eine Financial Due Diligence braucht man keinen Prüfungsarm.

Zum anderen müsste niemand mehr auf Geschäft verzichten: Wenn heutzutage irgendwo auf der Welt die Tochter irgendeines (kapitalmarktorientierten) Unternehmens von einer Big Four geprüft wird, haben die Berater anderswo, die dasselbe Unternehmen beraten wollen, das Nachsehen.

Und drittens könnte eine Trennung dafür sorgen, dass die Berater, die in vielen Einheiten schon unter einem Dach agieren, auch endlich enger zusammenrücken. Das ist ja auch bei den Big Four gewollt. KPMG hatte vor einigen Jahren versucht, seine Anwälte unter das Dach der KPMG AG zu holen – scheiterte aber mit dem Versuch, eine Anwalts-AG zu gründen. Nun müssen Rechtsanwälte und Steuerberater, die zum Teil auf dem gleichen Mandat arbeiten, immer noch getrennte Rechnungen beim Mandanten einreichen. Das kostet Zeit, Geld und Nerven.

Und am Ende kommt es für alle – ob Prüfer, Anwalt oder Steuerberater – doch vor allem darauf an, was der Mandant will. Und wenn sich dieser – aufgrund von Regularien und Restriktionen – ohnehin nicht mehr für Prüfung und Beratung aus einem Haus entscheiden kann: Wo liegt dann noch der Mehrwert? Das sehen übrigens auch andere Big-Four-Partner so, die zugeben, wie genervt sie davon sind, nun schon wieder ein Mandat wegen eines Prüfungsauftrags abgeben zu müssen: „Das fand sogar der Mandant nicht gut“, sagen diese dann nur resignierend.

Contra: „Die Verflechtungen zwischen Prüfung und Beratung sind viel zu eng.“

Götz Kümmerle

Auf keinen Fall sollten die Big Four ihre Wirtschaftsprüfung abspalten! Denn damit wäre das Ende des Wettbewerbs unter den großen Steuerpraxen der Beratungen endgültig besiegelt: Von den 3,26 Milliarden Euro, welche die 30 umsatzstärksten Steuerberatungseinheiten 2021 an Umsatz in Deutschland erwirtschaftet haben, entfallen allein 2,6 Milliarden auf die ersten zehn. Davon wiederum entfallen auf die Big Four 1,8 Milliarden.

Das heißt: Rund 55 Prozent des Gesamtumsatzes der 30 größten Steuereinheiten und 69 Prozent des Gesamtumsatzes der zehn führenden Steuereinheiten sind in der Hand von nur vier Unternehmen. Kurz gesagt: Die unternehmensfokussierte Steuerberatung in Deutschland ist fest in der Hand eines Oligopols. Und vor allem die Big Four brauchen aus marktwirtschaftlicher Sicht ein Korrektiv, um einen funktionierenden Wettbewerb zu gewährleisten.

Deshalb ist die Kombination von Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung bei den Big Four für den Steuermarkt so wichtig. Denn ohne Prüferrotation, EU-Auditreform und Sarbanes-Oxley Act wäre die beherrschende Marktmacht der Big Four auch in jedem einzelnen Steuermandat noch stärker zementiert als ohnehin schon.

Die Tatsache, dass Beratungen große Unternehmen und Banken nicht gleichzeitig prüfen und steuerlich beraten dürfen, hat sich als wirkungsvolles Gegengewicht zu den Konzentrationsprozessen in der Steuerbranche erwiesen. Daher bringt die Prüfung Schwung in den Steuermarkt. Pitches sind keine Plage, sondern Ansporn und Antrieb, eine bessere Steuerberatung zu liefern als die Konkurrenz.

Daneben sind die Verflechtungen zwischen Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung viel zu eng, um sie einfach verlustfrei durchtrennen zu können. Schon heute sind es die Tax-Accounting-Abteilungen der Steuerberatungsarme, die die Prüfung der Steuerpositionen im Zuge der Jahresabschlussprüfung für das Audit erledigen. Die sogenannten Tax Reviews und Tax Audits leben von dem Know-how und den Erfahrungen der Steuerkollegen. Diese Kompetenzen müsste eine abgespaltene Wirtschaftsprüfung erstmal aufbauen. Da fragt man sich bei einem angespannten Arbeitsmarkt schon, woher die zusätzlichen Steuerexperten für unabhängige reine Audit-Dienstleister kommen sollen, und wie man diese auch unterjährig auslasten möchte. Eine Verschlechterung der Prüfungsqualität bei den Steuerpositionen könnte die Folge sein.

Copyright Teaserbild: Rüdiger Rau / AdobeStock

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