JUVE Steuermarkt: Sie haben vor fünf Jahren einen großen Strategieprozess gestartet. Was war der Auslöser?
Marko Müller: Wir wollten unsere Aufstellung grundsätzlich überprüfen. Unsere zentrale Annahme war: Der Mittelstandsfokus soll bleiben, aber unser Ziel war es, zu wachsen und uns deutschlandweit aufzustellen. Damals hatten wir noch eine Rechtsanwaltsgesellschaft und eine getrennte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit einer dreiköpfigen Gesamtleitung aus gewählten Gesellschaftern, die das Management neben ihrem Tagesgeschäft gemacht haben.
Und das haben Sie geändert?
Müller: Ja. Die neuen Regelungen zur Berufsausübungsgesellschaft haben es uns ermöglicht, alle Aktivitäten in einer GmbH & Co. KG zu bündeln. Das Ziel war, wirklich eine integrierte multidisziplinäre Kanzlei zu sein, die von zwei Managing-Partnern strategisch geführt wird.
Die bisherigen Gesellschafter mussten also ein Stück Freiheit abgeben?
Dr. Olaf Lüke: Genau. Seit Anfang 2023 haben wir zwei gewählte Managing-Partner, die sich ihrer Aufgabe in Vollzeit widmen. Plus einen Gesellschafterausschuss, der als Sparringspartner für die Managing-Partner fungiert und gewisse Kontrollrechte hat.
Wie ist dieser Gesellschafterausschuss aufgebaut?
Lüke: Der Gesellschafterausschuss hat acht Mitglieder, die für drei Jahre gewählt sind. Angefangen haben wir mit sechs Mitgliedern, aber durch die neuen Südstandorte, Krefeld und Bremen, ist das gewachsen. Der Ausschuss ist für übergeordnete Themen zuständig und gewährleistet die Anbindung der einzelnen Standorte. Der Gesellschafterausschuss kümmert sich vor allem um die Themen, die in der großen Gesellschafterversammlung nicht mehr mit der nötigen Tiefe besprochen werden können. So prüfen und evaluieren wir beispielsweise die eintretenden Neupartner und geben eine Empfehlung zur Feststellung des Jahresabschlusses.
Sie, Herr Müller, werden als Managing-Partner von Herrn Lüke kontrolliert? Was sind Ihre konkreten Aufgaben?
Müller: Wir machen als Managing-Partner die klassischen Geschäftsführertätigkeiten: Strategie, Prozesse, Performance der Abteilungen, Kommunikation mit allen, Führung der Business-Einheiten wie HR, IT und Controlling, Integrationsarbeit. Eine Besonderheit in Professional-Services-Firmen ist die ‚Führung‘ der eigenen Gesellschafter – da geht es darum, trotz von uns gewollter Individualität und starker Persönlichkeiten ein homogenes Bild nach innen und außen zu erzeugen.
Homogenität in welcher Hinsicht?
Müller: Das startet schon bei simplen Themen wie der technischen Ausstattung und geht bis hin zu zentralen Themen wie der Mitarbeiterentwicklung – also Personalgespräche, Prozesse zur Führungskräfteentwicklung, Förderung für Berufsexamen und Fachkurse. Auch beim Aufbau neuer Fachbereiche gilt es, homogen zu sein. Oder beim Pricing und den Stundensätzen – da gibt es Rahmen, aber für die laufende Beratung regional unterschiedliche Ansätze. Bei Spezialthemen werden die Preise von Fachausschüssen zentral begleitet.
Welche Fachausschüsse haben Sie?
Müller: Wir haben vier: Compliance für die klassische Steuerberatung, Advisory für Gestaltungsberatung, TRI für Turnaround, Restructuring & Insolvency sowie Audit & Assurance. Darunter gibt es wieder Fachgruppen zu allen möglichen Themen.
Sie sind in den letzten Jahren vor allem mit der Übernahme diverser ehemaliger RSM-Standorte stark gewachsen, und haben mittlerweile insgesamt über 75 Partner. Ist das externe Wachstum jetzt abgeschlossen?
Müller: Derzeit haben wir keine großen Fusionen auf der Agenda. Aber wir werden gezielt in Regionen wachsen, wo wir heute noch nicht stark genug sind – wie in München – oder noch gar nicht vertreten sind, etwa in Ostdeutschland. Anders als einige von Private Equity unterstützte Gesellschaften suchen wir dabei keine Einheiten, um deren Nachfolgeprobleme zu lösen. Wir wollen vielmehr etwas gemeinsam erreichen.
Wie kam es zu den großen Fusionen?
Müller: Vor dreieinhalb Jahren wurde uns als neuem Management ins Stammbuch geschrieben, extern zu wachsen und die Kanzlei deutschlandweit aufzustellen. Dann kam es zu den Veränderungen im RSM-Netzwerk, und wir hatten nahezu zeitgleich die Chance, ins Mittelstandsnetzwerk CLA Global zu gehen und das neue Netzwerk von Beginn an mitzugestalten. Wir haben uns bewusst – wie CLA Global auch – gegen die Prüfung von Unternehmen von öffentlichem Interesse entschieden. Insofern passte alles sehr gut zusammen. Dann kamen zunächst Krefeld und die Südstandorte mit insgesamt etwa 230 Leuten, 2024 folgte Bremen mit circa 300 Beschäftigten. Heute haben wir insgesamt 1.300 Mitarbeitende.
Wie haben Sie die Integration gemeistert?
Müller: Zwei wichtige Punkte der Integration waren HR und IT. In beiden Bereichen haben wir Mitarbeitende durch die Zusammenschlüsse dazubekommen, was für uns ein echter Gewinn war. Ein Integrationsprozess dauert bekanntlich eine Weile und ist Stand heute noch nicht in allen Bereichen abgeschlossen. Um die Integration gezielt voranzubringen, legen wir großen Wert auf standortübergreifende Zusammenarbeit, fachlichen Austausch und persönliche Kontakte unter unseren Mitarbeitenden.
Herr Lüke, dhpg verbindet man vor allem mit Steuerberatung und Prüfung mittelständischer Unternehmen, aber nicht mit anwaltlicher Beratung. Wie ist der juristische Bereich heute aufgestellt?
Lüke: Wir bieten alles, was der Mittelstand braucht: Gesellschaftsrecht, Umstrukturierungen, M&A, Steuerrecht, Erb- und Nachfolgeberatung, Insolvenz- und Sanierungsrecht, Arbeitsrecht mit der Schnittstelle zu HR-Services und Lohn. Dazu kommen noch Marken- und Wettbewerbsrecht, Mietrecht, IT-Recht, Datenschutz und Transportrecht. Mittlerweile haben wir 65 Rechtsanwälte, allein in Bremen sind es 30. Wir machen inzwischen rund 20 Millionen Euro Umsatz im Rechtsbereich.
Und wie sehen Sie sich heute in der Steuerberatung positioniert?
Müller: Als bundesweiter Player bieten wir unseren Mandanten hier eine interdisziplinäre Beratung in allen Phasen eines Unternehmens an. Wichtig ist, dass wir immer steuerliche und rechtliche Aspekte im Blick haben und nicht singulär beraten.
Wie hat sich Ihr Geschäft insgesamt entwickelt?
Müller: 2025 haben wir 157 Millionen Euro Umsatz gemacht. Mit dem Zusammenwachsen und der Wahrnehmung als größere Einheit bekommen wir inzwischen ein anderes Feedback vom Markt. Wir haben viele junge Partner dazu genommen, die wiederum ihr eigenes Geschäft ausbauen. Unser normales Wachstum lag in den letzten Jahren bei circa zehn Prozent.
Welche Bereiche sind besonders gewachsen?
Lüke: Durch den Zusammenschluss mit Bremen haben wir in den Themen Nachfolge, Gesellschaftsrecht und Umstrukturierungen noch einmal eine höhere Durchschlagskraft im Rechtsmarkt erreicht. Der Insolvenzbereich floriert ebenfalls, weil sich dort nach Corona viel angestaut hat – Insolvenzen wurden vom Gesetzgeber ja einige Jahre praktisch verboten, und das wird nun nachgeholt.
Müller: Auch beim Steuerumsatz hatten wir ein zweistelliges Wachstum um die zehn Prozent, also im normalen Rahmen. Was auch ordentlich gewachsen ist, ist die Wirtschaftsprüfung. Die Honorare haben wieder angezogen, auch weil es weniger verfügbare Abschlussprüfer im Markt gibt – viele können bei den hohen Prüfungsanforderungen einfach nicht mehr mitgehen.