Aufspaltung

EY will Wende im globalen Big-Four-Markt anführen

Zeitenwende à la Big Four: EY Global trennt ihr Prüfungs- und Beratungsgeschäft. Heute hat das Unternehmen seinen rund 13.000 Partnerinnen und Partnern in einem zweistündigen Video-Call mitgeteilt, wie das intern „Everest“ getaufte Projekt umgesetzt wird. Thema war auch der Zeitplan für die anstehenden Partnerentscheidungen in den einzelnen Ländergesellschaften.

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Die Abstimmungen sollen laut einer ersten offiziellen Stellungnahme auf einen umfassenden Informationsaustausch mit den Partnern und Partnerinnen folgen. Diese sollen Ende dieses Jahres beginnen und Anfang 2023 abgeschlossen werden. Abstimmen sollen die Partner über den Vorschlag, die Gesellschaft in zwei getrennte Organisationen aufzuspalten. In den meisten Ländern ist dafür nach JUVE-Informationen eine Mehrheit von 75 Prozent erforderlich.

Die neue Struktur soll zum Juli des kommenden Jahres stehen, heißt es in der Partnerschaft. Selbst die eigenen Leute werten dies angesichts der unterschiedlichen berufsrechtlichen Regularien in den rund 80 betroffenen Ländern als sehr ambitioniert.

EY Global teilte mit, man habe „verschiedene Optionen sorgfältig abgewogen“. Die Trennung der Geschäftsbereiche werde helfen, „die Chancen des sich verändernden Marktumfelds besser zu nutzen“. Und weiter: „Die Aufspaltung wird dazu beitragen, die Zukunft der Branche neu zu definieren. Durch sie entstehen neue unternehmerische Entwicklungsmöglichkeiten, von denen die EY-Mitarbeitenden, die Kunden sowie die Gesellschaft langfristig profitieren werden.“

Vorbild Accenture

Bereits seit einiger Zeit wird über die Pläne der Big Four-Gesellschaft spekuliert, das Beratungsgeschäft in den USA an die Börse zu bringen. Die Aktien sollen dann zu 70 Prozent in der Hand der Partner liegen. Weitere 15 Prozent gehören nach dem Plan den Mitarbeitenden und die verbleibenden 15 Prozent gehen in den freien Handel.

Die dann mit Anteilen an der neuen Beratungsgesellschaft beteiligten Partnerinnen und Partner hören bereits die Kassen klingeln. Ihre Erwartungen stützen sie auf den Erfolg des börsennotierten Beratungshauses Accenture, das aus ähnlicher Struktur kommend zu einer Erfolgsstory am Kapitalmarkt wurde.

Neue EY-Gesellschaft könnte namhafte Kanzlei übernehmen

Mit Blick auf die Story des Börsengangs betont die EY-Führung das Wachstumspotenzial der neuen Gesellschaft. Das könnte unter anderem zum Beispiel bedeuten, eine namhafte US-Kanzlei zu übernehmen, wie informierte Quellen berichten.

Ein weiteres Argument für die Aufspaltung ist aus Sicht des EY-Managements die zunehmende Regulierung von Wirtschaftsprüfern, die sich weltweit immer stärker auf das Beratungsgeschäft auswirke. Die neue EY-Beratungsgesellschaft wäre in der Lage, mit relevanten Tech-Beratern wie Google oder Salesforce zusammenzuarbeiten. Dem stehen heute noch Prüfaufträge im Weg – und zwar bei allen Big Four. So ist es beispielsweise in Deutschland so, dass keine der Big-Four-Gesellschaften Ambitionen für die Prüfung von SAP hatte – weil damit der Weg für die lukrative Implementierungsberatung von S4 Hana verbaut gewesen wäre. So wurde SAP zum ersten Dax-Unternehmen, das nicht von einer Big Four geprüft wird.

Motivation geht auch von Prüfern aus

Aber auch die Trennungslust der Prüfer ist Teil der Gesamtmotivation des Projektes, wie JUVE weiß. Die Prüfer wollen wieder risikoadäquat bezahlt werden. Die Annahme ist, dass die massiv gesunkenen Preise für ihre riskante Dienstleistung Abschlussprüfung von der Quersubventionierung im Gesamtkonzern herrührt. Durch die Trennung, so die These, befreien sich die Wirtschaftsprüfer und können wieder besser abrechnen.

EY-Partner betonen die First-Mover-Qualität des Vorhabens. Sie scheinen überzeugt, dass auch ihre drei Wettbewerber ihnen folgen werden, zumal der Druck auf das kombinierte Prüf- und Beratungsgeschäft weltweit zunimmt.

Unklar ist noch, wie das hochregulierte und vor allem zwischen EU und Großbritannien alles andere als harmonisierte Geschäft der Steuer- und Rechtsberater organisiert wird. Für jedes einzelne Land dürfte am Ende eine eigene Struktur aufzusetzen sein, die den regulatorischen Anforderungen Rechnung trägt.

Auch in China rechnen die EY-Oberen mit Problemen. So würde es die chinesische Regierung kaum akzeptieren, ein Beratungsunternehmen im Lande zu haben, das Tochter eines US-börsennotierten Konzerns sei. In dem wichtigen Markt könnte es demnach bei einer eigenen, von der künftigen Holding unabhängigen EY-Landesgesellschaft bleiben.

BRAO-Reform macht’s möglich

In Deutschland begünstigt die weitere gesellschaftsrechtliche Formierung die jüngste Reform des anwaltlichen Berufsrechts, die seit August unter anderem die Mehrstöckigkeit von Anwaltsgesellschaften zulässt. An Anwaltsgesellschaften dürfen sich nun Gesellschaften beteiligen, die nicht von natürlichen Personen gehalten werden.

Über ein Service-Level-Agreement mit der AG sind dann die in Deutschland geltenden Anforderungen an den Betrieb von Anwalts- und Steuerberatungsgesellschaften einzuhalten. So muss das Service-Level-Agreement etwa die Gewinnabführung sowie Fremdbesitz ausschließen.

Forum-Shopping bei den Kammern

Aktuell agiert die Rechtsberatung von EY aus einer Anwalts-GmbH heraus. Marktbeobachter sind der Meinung, dass das auch so bleiben wird – wobei auch andere Gesellschaftsformen denkbar wären. Letztlich braucht es einen Service-Provider, der die Organisation des Beratungsbetriebs übernimmt.

Laut Berufsrechtlern ist das auch in einer gemeinsamen Gesellschaft denkbar. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass das Berufsrecht der Rechtsanwälte vorschreibt, dass sie die Mehrheit an einer solchen Gesellschaft halten müssen – und spiegelbildlich auch die Steuerberater.

Die Zulassung der Gesellschaft übernehmen die Kammern der Steuerberater und Rechtsanwälte. Am Ende muss jeweils eine Kammer eines Oberlandesgerichtsbezirks die neue Gesellschaft zulassen, an der die Rechtsanwälte und Steuerberater zugelassen sind. Bis es soweit ist, muss noch viel Arbeit geleistet werden – Forum Shopping bei den Kammern inklusive.

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