Auffällig ist die Rangverschiebung in der Steuerberatung: Nachdem KPMG im Vorjahr PricewaterhouseCoopers (PwC) erstmals seit Jahren von Platz zwei verdrängt hatte, schlug PwC nun wieder zurück: Mit 580,2 Millionen Euro Steuerumsatz lag die Big-Four-Gesellschaft hauchdünn vor KPMG (580 Millionen Euro). Wachstumstreiber waren nach eigenen Angaben die internationale Compliance inklusive automatisierter Prozesse sowie die Beratung zu Zöllen und Einfuhrbeschränkungen.
Doch parallel verliert PwC im klassischen Kerngeschäft an Boden: Die Wirtschaftsprüfung kam laut Handelsblatt-Auswertung auf 808 Millionen Euro (+6 Prozent bereinigt), doch mit 829 Millionen Euro Prüfungsleistung hat KPMG erstmals die Nase vorn.
Das Verhältnis Prüfung zu Steuern bei PwC zeigt damit ein klares Bild: Audit übertrifft Tax deutlich (808 zu 580 Millionen Euro) – ein klassisches Big-Four-Muster? Teilweise. Denn die 580,2 Millionen Euro entfallen bei PwC ausschließlich auf die Plattform Tax & Legal Solutions. Steuerleistungen, die PwC etwa über Deal Advisory abwickelt, sind darin nicht enthalten.
KPMG: Bei Prüfung neue Nummer eins, bei Steuern fast auf Augenhöhe
KPMG hat 2024/2025 in beiden Disziplinen praktisch in gleichem Umfang geliefert: In der Wirtschaftsprüfung sicherte sich die Gesellschaft mit Airbus ein neues Dax-40-Mandat, dazu Tui im MDax sowie die Würth-Gruppe und ZF Friedrichshafen, und erwirtschaftete ein Plus von 7,7 Prozent. Die Steuerberatung legte um 7,6 Prozent auf 580 Millionen Euro zu, getrieben von der Digitalisierung der Steuerfunktion, Carve-out-Projekten und Regulatorik.
Damit übertrifft bei KPMG die Prüfung die Steuerberatung um 249 Millionen Euro und damit klarer als bei PwC, aber weniger ausgeprägt als bei Deloitte.
EY: Steuerprimus, Prüfungs-Schlusslicht
Aber: Bei EY zeigt sich ein gegenläufiges Bild – und ein Sonderfall im Quartett. Die Gesellschaft ist die einzige, bei der die Steuerberatung (836 Millionen Euro) den Prüfungsumsatz (647 Millionen Euro) deutlich übersteigt. Bei allen anderen dominiert klassisch das Audit. Das macht EY strukturell etwas verwundbarer: Während KPMG, PwC und Deloitte ihre Prüfung als robusten Cashflow-Anker nutzen können, fehlt EY dieser Puffer – eine Spätfolge des Wirecard-Skandals und des Wettbewerbsverbots der Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS, das bis März 2026 galt.
Hinzu kommt die schwache Wachstumsdynamik in der Steuersparte: Mit nur 1,7 Prozent Plus bleibt EY zwar die größte, aber auch die wachstumsschwächste der Big Four in der Steuerberatung – nach +14,0 Prozent zwei Jahre zuvor. Auch der Gesamtumsatz legte mit 2,3 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro nur moderat zu und liegt damit faktisch gleichauf mit KPMG (2,72 Milliarden Euro) und Deloitte (2,71 Milliarden Euro).
Steuerchef Alexander Reiter betonte gegenüber JUVE Steuermarkt: „Wir haben uns auf Konsolidierung, organisches Wachstum und Investitionen konzentriert.“ Der Fokus liege auf Profitabilität: „In der Compliance wird sich der Effizienzgewinn durch die Digitalisierung und KI am stärksten auswirken, und da wollen wir in erster Reihe stehen.“ Mit dem Versicherungskonzern Allianz hat EY immerhin ein wichtiges und lukratives Abschlussprüfermandat ab 2026 gewonnen – was allerdings gleichzeitig bedeutet, einen bedeutenden Steuerberatungsmandanten abgeben zu müssen.
Deloitte: Wachstumsmotor Prüfung, Bremse bei Tax
Deloitte hatte zwischen 2021 und 2024 das spektakulärste Wachstum aller Big Four hingelegt – Gesamtumsatz von 1,56 auf 2,58 Milliarden Euro, Steuerumsatz von 227 auf 326 Millionen Euro. 2024/2025 ist davon wenig übrig: Der Gesamtumsatz wuchs um 4,8 Prozent auf 2,71 Milliarden Euro, der Steuerumsatz nur noch um 3,1 Prozent auf 336 Millionen Euro. Im Vorjahr hatte die Tax-Sparte noch um gut 15 Prozent zugelegt.
Den größten Schub lieferte zuletzt die Wirtschaftsprüfung: +11,3 Prozent auf 718 Millionen Euro – das stärkste Wachstum aller Big Four im Prüfungsgeschäft. Deloitte ist mittlerweile Abschlussprüfer bei neun DAX-40-Unternehmen. Das Verhältnis zwischen Prüfung und Steuer ist bei Deloitte besonders ausgeprägt: 718 zu 336 Millionen Euro – die Prüfung ist mehr als doppelt so groß wie die Steuersparte. Damit bleibt Deloitte mit nur 12,4 Prozent Steueranteil am Gesamtumsatz am wenigsten von der Steuerberatung abhängig.
Strategien driften auseinander
Im Quervergleich zeigen sich zwei Welten: Während bei KPMG (829/580 Millionen Euro), PwC (808/580 Millionen Euro) und Deloitte (718/336 Millionen Euro) die Prüfung klar dominiert und solide zweistellig oder hoch einstellig wächst, steht bei EY die Steuerberatung im Mittelpunkt – und beide Sparten schwächeln. Die Folge: Die einstige Nummer zwei der Branche ist beim Gesamtumsatz zum Schlusslicht des Verfolgerfeldes geworden, gleichauf mit KPMG und Deloitte und mit über 500 Millionen Euro Abstand zu PwC (3,273 Milliarden Euro).
Bei der Produktivität in der Steuer- und Steuerrechtsberatung setzt sich EY dagegen ab: Die Zahl der Berufsträger stieg 2025 mit 2,1 Prozent zwar etwas mehr als der Steuerumsatz, EY erzielt mit 562.000 Euro Umsatz pro Berufsträger dennoch den höchsten Wert. Dasselbe gilt für den Umsatz pro Mitarbeitenden im Bereich Steuern mit 296.000 Euro.
Ein gemeinsamer Nenner: KI
In einem Punkt sind sich alle vier einig: KI verändert das Geschäft fundamental, gerade in den standardisierbaren Bereichen Compliance, Steuererklärung und Abschlussprüfung. PwC beziffert die weltweiten KI-Investitionen des Netzwerks auf 3,1 Milliarden US-Dollar, Deloitte allein in Deutschland auf 25 Millionen Euro. Wer hier die besten Plattformen besitzt, wird mittelfristig besser performen – sowohl in der Steuerberatung als auch in der Abschlussprüfung. An der Steuerspitze hingegen wird sich auch im laufenden Geschäftsjahr nichts ändern. Auch wenn EY-Steuerchef Reiter einräumt, dass es wohl kein zweistelliges Wachstum geben wird, wird die Gesellschaft mit großem Abstand vorn bleiben.