Der Fünfjahresvergleich zeigt: Die Mittelstandskanzleien haben ihren Steuerumsatz seit 2021 fast verdoppelt (+95,9 Prozent) und werden immer steuerlastiger. Die Next Six wachsen zwar absolut stärker, diversifizieren aber weg von der Steuerberatung. Zwei Gruppen, zwei Geschäftsmodelle – aber warum?
Zunächst gilt festzustellen: Next Six sind natürlich auch Mittelstandsberater. Die Ursprungseinheiten von Ebner Stolz oder Baker Tilly – um nur zwei zu nennen – liegen im Regionalgeschäft, Rödl und BDO sind ohne die Beratung von Familienunternehmen nicht denkbar. Doch die Next Six haben sich durch nationale Zusammenschlüsse und internationale Netzwerke – anders als die hier als Mittelstandskanzleien bezeichneten Gesellschaften – auf den Weg gemacht, ihren Mandantenkreis geografisch und strukturell zu erweitern. Bei den Next 6 finden sich Unternehmen von öffentlichem Interesse (sog. Public Interest Entities, PIEs), bei den Mittelstandskanzleien in der Regel nicht.
Das ist ein Unterscheidungsmerkmal. Aber mit Folgen: Der strukturell spannendste Befund des Fünfjahresvergleichs liegt nicht in den absoluten Zahlen, sondern in der gegenläufigen strategischen Entwicklung beider Gruppen. Die Next Six setzen 2025 insgesamt 938,1 Millionen Euro mit Steuerberatung um (+7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Die Mittelstandskanzleien kommen auf 513,8 Millionen Euro (+8,9 Prozent). Beide wachsen. Aber die Richtungen, in die sie wachsen, unterscheiden sich grundlegend.
Bei den Next Six sinkt die Steuerquote, also der Anteil des Steuerumsatzes am Gesamtumsatz, seit 2021 kontinuierlich: von 41,6 auf 39,2 Prozent. Die Steuerberatung wächst dort um 55,8 Prozent, das Gesamtgeschäft aber um 65,4 Prozent. Advisory, Wirtschaftsprüfung und Consulting legen stärker zu, die Steuerpraxis verliert relativ an Gewicht.
Bei den Mittelstandskanzleien ist es genau umgekehrt: Die Steuerquote steigt von 56,1 auf 58,3 Prozent. Der Steuerumsatz wächst mit 95,9 Prozent sogar schneller als der Gesamtumsatz (+88,4 Prozent). Steuerberatung ist dort nicht nur Kerngeschäft – der Kern wird immer dicker.
Die Kleinen wachsen schneller
Beide Gruppen verloren 2025 an Dynamik. Die Next Six legen beim Gesamtumsatz um 9,0 Prozent zu, nach jeweils 15,7 Prozent in den beiden Vorjahren. Bei den Mittelstandskanzleien sind es 8,8 Prozent, nach 14,8 Prozent im Vorjahr. Beim Steuerumsatz ist die Abschwächung noch ausgeprägter: Die Next Six kommen nur noch auf 7,5 Prozent Wachstum, der niedrigste Wert seit mindestens 2021. Bei den Mittelstandsberatern sind es 8,9 Prozent, ebenfalls deutlich unter den Vorjahreswerten.
Allerdings brauchen die Mittelstandszahlen Datendisziplin: Der spektakuläre Sprung von 2023 (+35,3 Prozent beim Steuerumsatz) relativiert sich, wenn man berücksichtigt, dass die in der Form neu entstandene Gesellschaft Nexia in jenem Jahr erstmals in die Gruppenstatistik einfließt. Bereinigt um diesen Effekt lag das Steuer-Wachstum 2023 bei rund 23,6 Prozent: immer noch stark, aber weniger explosiv, als die Rohzahl suggeriert.
Über den gesamten Fünfjahreszeitraum bleibt der Befund dennoch eindeutig. Die kleinere Gruppe wächst prozentual deutlich schneller. Im Steuerumsatz verdoppeln sich die Mittelstandskanzleien nahezu, während die Next Six um gut die Hälfte zulegen.
In absoluten Zahlen dominieren die Next Six weiterhin: Sie erwirtschaften 2025 rund 424 Millionen Euro mehr Steuerumsatz als die Mittelstandsberater. Relativ betrachtet schließt sich die Schere allerdings: 2021 setzten die Next Six noch das 2,3-Fache der Mittelstandskanzleien um, 2025 nur noch das 1,8-Fache. In absoluten Zahlen wächst der Abstand hingegen weiter, von 340 auf 424 Millionen Euro.
Wachstumsmotoren: Ecovis KSO gegen BDO
Vergleicht man die Wachstumssieger beider Gruppen, wird der Unterschied in den Geschäftsmodellen besonders greifbar. Bei den Mittelstandskanzleien sticht Ecovis KSO heraus: Der Steuerumsatz hat sich seit 2021 mehr als verdreifacht: von 15,7 auf 47,8 Millionen Euro (+204,5 Prozent). Auch 2025 legt die Gesellschaft um 23,2 Prozent zu, die mit Abstand höchste Wachstumsrate im gesamten Feld. Ecovis KSO ist dabei eine nahezu reine Steuerkanzlei: 90,3 Prozent des Umsatzes entfallen auf Steuerberatung.
Bei den Next Six ist BDO der konstanteste Wachstumsmotor in der Steuerberatung. Der Steuerumsatz stieg seit 2021 um 60,8 Prozent auf 169,2 Millionen Euro, 2025 wuchs die Gesellschaft erneut um 12,0 Prozent – als einzige der Next Six zweistellig bei Steuern. Anders als Ecovis KSO ist BDO aber breit aufgestellt: Nur 33,3 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf Steuern.
Der Kontrast ist aufschlussreich: Ecovis KSO wächst prozentual mehr als dreimal so schnell wie BDO beim Steuerumsatz, allerdings von einer ungleich kleineren Basis. BDO setzt mit 169,2 Millionen Euro mehr als das 3,5-Fache von Ecovis KSO um. Die Wachstumssieger beider Gruppen verkörpern damit exakt den strukturellen Unterschied: hier der spezialisierte Steuerberater mit enormer Dynamik, dort der diversifizierte Allrounder mit solidem, aber breiterem Wachstum.
Ausblick: Normalisierung mit offenen Fragen
Das Geschäftsjahr 2025 markiert für beide Gruppen eine Normalisierung nach den Boomjahren. Die Zuwächse bleiben positiv, liegen aber deutlich unter den Spitzenwerten von 2023 und 2024.
Die zentrale Frage für die kommenden Jahre lautet: Setzt sich die strategische Auseinanderentwicklung fort? Werden die Next Six weiter in Richtung diversifizierter Beratungskonzerne wachsen, während die Mittelstandskanzleien ihr Steuergeschäft als Kernkompetenz ausbauen? Die Zahlen sprechen dafür.