JUVE Steuermarkt hat in den vergangenen Monaten die wirtschaftlichen Kennzahlen der wichtigsten Steuer- und Steuerrechtsberatungseinheiten Deutschlands recherchiert. Unter den 30 größten deutschen Steuer- und Steuerrechtsberatungspraxen finden sich auch sieben Anwaltskanzleien: Clifford Chance, Freshfields, Linklaters, Poellath, und Noerr sowie als steuerzentrierte Rechtsberatungen Flick Gocke Schaumburg und KMLZ.
Im Vergleich zu den Big Four oder den Next Six ist der absolute Steuerumsatz der Anwaltskanzleien klein. Dafür ist ihr Umsatz pro Berufsträger (UBT) um ein Vielfaches höher als bei den WP‑Gesellschaften. Das ist seit Jahren so.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch ein weiteres Phänomen: Auch im internen Kanzleivergleich ist der Steuer-UBT regelmäßig höher als der Durchschnitts-UBT der Gesamtkanzlei. Und er wächst. Und wächst.
Binnenvergleich in Wirtschaftskanzleien
So belegen die jüngsten Zahlen für das Jahr 2025: Der UBT in der Steuerrechtsberatung der größten Anwaltspraxen lag im Durchschnitt bei knapp 1,1 Millionen Euro. In der Rechtsberatung derselben Häuser erzielten die Anwälte hingegen nur 863.000 Euro. Die Differenz von 232.000 Euro ist die höchste der vergangenen fünf Jahre und spiegelt eine kontinuierliche Entwicklung wider. Seit 2021 ist der Abstand zwischen beiden Gruppen um mehr als 50 Prozent gewachsen.
Auch die Wachstumsdynamik spricht klar für die Steuerberatung: Der Steuer-UBT wuchs im Jahr 2025 durchschnittlich um 10,7 Prozent, während die Rechtsberatung nur ein Plus von 4,6 Prozent verzeichnete. Über den gesamten Zeitraum bleibt die Steuerberatung mit einer Spannweite von rund 188.000 Euro deutlich volatiler als die Rechtsberatung, deren UBT sich gleichmäßiger und stabiler entwickelte.
Es gibt zwei Erklärungen für das Auseinanderdriften: Die erste liegt in der abgrenzbaren Spezialisierung der Steuerteams im Vergleich zur Gesamtkanzlei, die zweite – und entscheidende – im Personalschlüssel.
1. Mischmodell versus Spezialdisziplin
Während der Rechts-UBT den Gesamtumsatz einer Kanzlei auf jeden Berufsträger (Full Time Equivalents; FTE) misst, wird der Steuer-UBT ausschließlich auf den Steuerumsatz je Berufsträger im jeweiligen Steuerteam (FTE) bezogen. Dass sich die Steuerrechtsberatung in Anwaltskanzleien schlanker und spezifischer darstellt als die gesamte Palette der Rechtsberatungsdisziplinen, wirkt sich offensichtlich direkt auf die Produktivität aus.
Die Steuerrechtsberater in den Anwaltskanzleien konzentrieren sich häufig auf bestimmte Fachgebiete und Nischen wie Transaktionssteuern, internationale Steuerstrukturierung, finanzsteuerliche Beratung oder Steuerstreit.
Die Rechtsberatung in den Kanzleien ist dagegen typischerweise breiter und wirtschaftlich diverser aufgestellt und umfasst ein Mandatsspektrum, das von hochproduktiven M&A-Transaktionen und Streitbeilegungsmandaten bis hin zu Arbeits- und IP-Mandaten reicht. Dadurch verteilt sich der Umsatz auf eine größere und diversere Anzahl von Berufsträgern, was den UBT in der Gesamtkanzlei gegenüber den Steuerteams strukturell senkt.
2. Steuerpersonal schrumpft im Gesamtvergleich
Dass der Steuer-UBT im Vergleich zum Gesamt-UBT so hoch ausfällt, ist jedoch vor allem das Ergebnis gegenläufiger Personalentwicklungen. Kurz: Die Kanzleien schrumpfen ihre Steuerteams offenbar so erfolgreich, dass der Anteil des Steuerumsatzes am Gesamtumsatz in etwa gleich bleibt, aber mit immer weniger Berufsträgern erzielt werden kann. Die Steuerrechtler scheinen wahre Effizienzmaschinen zu betreiben.
Ein besonders eindrückliches Bild dafür liefert Clifford Chance: Die Steuerpraxis – die für knapp 20 Prozent des Gesamtumsatzes der Kanzlei in Deutschland steht und damit außergewöhnlich präsent ist innerhalb der Sozietät – wies 2025 einen Steuer-UBT von 1,86 Millionen Euro auf. Das ist der höchste Wert unter den analysierten Kanzleien. Im Vergleich dazu lag der Rechts-UBT der Kanzlei bei nur 944.000 Euro.
Der Vergleich zwischen den beiden vergangenen Geschäftsjahren offenbart, wie das geht: Die Kanzlei verzeichnete gegenüber 2024/25 im Geschäftsjahr 2025/26 insgesamt ein Umsatzplus von 5,3 Prozent sowie einen Rückgang der Zahl der Berufsträger (BT) um 1,3 Prozent. Das ergibt eine UBT-Steigerung von rund 6,7 Prozent.
Die Zahlen im Steuerteam sind dagegen drastischer: Denn hier sank die Zahl der Berufsträger um 7,3 Prozent, also fast sechsmal so stark wie in der Gesamtkanzlei. Geht man von einem mehr oder weniger kontinuierlichen Anteil des Steuer- am Gesamtumsatz aus, wird schnell klar, warum der UBT des Steuerteams dramatisch ansteigen kann.
Ähnlich krass war der Unterschied bei Clifford schon zwischen den Geschäftsjahren 2023/24 und 2024/25: Während die Zahl der Berufsträger in der Kanzlei insgesamt noch stieg, verkleinerte sich das Steuerteam im selben Zeitraum um 6,8 Prozent – die Öffnung der Schere wird also immer größer.
Bei anderen Steuerteams in den Anwaltskanzleien ist die Entwicklung vergleichbar: So liegt der Steuer-UBT von Freshfields mit 1,66 Millionen Euro ebenfalls deutlich über dem Rechts-UBT von 982.000 Euro. Während die Gesamtkanzlei personell zuletzt um 0,5 Prozent wuchs, reduzierte sich die Größe des Steuerteams im selben Zeitraum um rechnerisch 13,4 Prozent. Ein Auseinanderklaffen der UBTs liegt auf der Hand, wenn der Steuerumsatz in Relation zum Gesamtumsatz praktisch gleichbleibt.
Weiteres Beispiel: Linklaters’ Berufsträgerzahl sank insgesamt um 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Steuerbereich verzeichnete aber sogar 11,4 Prozent weniger Berufsträger – dennoch entwickelte sich der Steuer-Umsatz kontinuierlich mit dem Gesamtumsatz um rund 3 Prozent nach oben.
Des Rätsels UBT-Lösung liegt also in einem Faktor, nämlich: Steuerrechtler in den Top-Kanzleien haben offenbar eine Wunderwaffe gefunden, die sie mit immer weniger Leuten kontinuierlich im Gleichschritt mit der Gesamtkanzlei ihre Umsätze steigern lässt. Wie diese Wunderwaffe im Detail funktioniert, dürfte eine Frage für Effizienz- oder KI-Experten sowie findige Controller sein.
Im achten und letzten Teil der Kennzahlen-Serie von JUVE Steuermarkt finden Sie die größten 30 Steuer- und Steuerrechtsberatungseinheiten Deutschlands auf einen Blick. Dieser erscheint in wenigen Tagen auf juve-steuermarkt.de.