Karriere im BMF

Abteilung IV

Das Bundesministerium der Finanzen (BMF) gilt – wie die Verwaltung insgesamt – gemeinhin als bürokratisch und nicht besonders sexy. Und viele Jahre war die Steuerabteilung des BMF für Betriebswirte ohnehin kein Thema für eine Karriere – denn das Ministerium setzte nur auf Juristen. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich das BMF als erstaunlich vielfältig. Internationale Verhandlungen inklusive.

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Die Einführung der globalen Mindeststeuer ist eines der zentralen internationalen Steuerprojekte der letzten Jahrzehnte. Zahllose Verhandlungen, Stellungnahmen und Konferenzen liegen hinter den OECD-Staaten. Eine unüberschaubare Menge an Referenten, Unterhändlern und Politikern verhandeln jahrelang über die (teilweise) Neuverteilung des weltweiten Steuersubstrats.

Mit dabei: Dr. Stefan Greil. Er ist seit rund elf Jahren beim BMF tätig und seit August 2021 Referatsleiter für Internationalen Informationsaustausch und Internationale Zusammenarbeit in Steuersachen, kurz IV B 6. Hinter dem etwas sperrigen Referatstitel verbirgt sich der Dreh- und Angelpunkt im BMF in Sachen internationale Besteuerung.

Per Zufall nach Berlin

Greil hatte sich zu Beginn seiner Laufbahn eigentlich gar nicht vorstellen können, mal im BMF zu landen. Nach seinem BWL-Abschluss stieg er 2008 erstmal als Associate bei PricewaterhouseCoopers (PwC) ein. Aber schon schnell wurde klar, dass er eine langfristige Karriere in der Beraterschaft eher nicht anstrebte. Über eine Zwischenstation an der Uni folgte dann der Wechsel in die Bayerische Finanzverwaltung.

Unverhoffte Karriere: Stefan Greil wollte am BMF eigentlich nur ein bisschen Wartezeit überbrücken. Aus diesem Übergang wurden über zehn Jahre – und ein Aufstieg bis zum Referatsleiter.

Als dann nach der Einweisungszeit die Frage aufkam, wo und wie es in Bayern weitergehen würde, bewarb sich Greil kurzerhand beim BMF – zunächst nur für den Übergang. „Ich habe gedacht, ich überbrücke dort die Zeit, bis klar ist, wie es in Bayern für mich weitergehen könnte.“ Aus dem Intermezzo wurden knappe elf Jahre. Dass Greil überhaupt beim BMF in der Steuerabteilung gelandet ist, ist alles andere als selbstverständlich. Erst seit einigen Jahren öffnet sich das Ministerium in diesem Bereich auch immer mehr für Nichtjuristen. Aus Sicht von Greil ein Vorteil: „Natürlich ist die Steuerabteilung des BMF weiter sehr juristisch geprägt – aber Wirtschaftswissenschaftler schauen halt auf das Thema Steuern noch einmal anders drauf, und das ist für den Austausch auf jeden Fall bereichernd.“

In seinen elf Jahren beim Ministerium hat Greil schon eine Menge gesehen: Referentenstationen im Bereich Organisation der Steuerverwaltung und Risikomanagement in der Steuerverwaltung sowie im Bereich Internationale Unternehmensbesteuerung und Außensteuerrecht. Zudem ist Greil unter anderem seit vielen Jahren Dozent an der Bundesfinanzakademie. Die regelmäßigen Wechsel zwischen den Referaten waren für ihn nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch mit Blick auf die Karriere nützlich: „Wenn man im BMF Referatsleiter werden möchte, wird erwartet, dass man schon in unterschiedlichen Referaten Erfahrung gesammelt hat“, so Greil.

Verhandlungen in der ganzen Welt

Für Greil waren die Verhandlungen zum BEPS-Projekt ein echtes Highlight seiner bisherigen beruflichen Laufbahn. „Man verhandelt mit 136 Staaten, innerhalb Deutschlands haben noch die 16 Länder ihre Interessen. Wir versuchen, auf internationaler Ebene den deutschen Standpunkt zu vermitteln und unsere Interessen zu vertreten. Aber man muss auch einen Konsens finden – und das ist wahnsinnig spannend. Vor Corona sind wir auch sehr häufig zu Verhandlungen in unterschiedliche Länder gereist“, schwärmt Greil noch heute.

Wenn Greils Arbeit endet, beginnt – sehr grob formuliert – die von Eva Rohde. Denn ihre Aufgabe ist unter anderem, die Ergebnisse der internationalen Verhandlungen in deutsches Steuerrecht zu übersetzen. Auch für Rohde war der Weg zum BMF ursprünglich alles andere als vorgezeichnet. Rohde hatte nach dem Jurastudium zunächst eine kurze Zeit als Rechtsanwältin gearbeitet, dann jedoch schnell den Weg in die baden-württembergische Finanzverwaltung gefunden.

Hochzufrieden: Eva Rohde wollte aus Baden-Württemberg nach Berlin, da lag eine Laufbahn beim BMF durchaus nahe. Aber nicht nur wegen des Flairs der Hauptstadt hat Rohde den Umzug nicht bereut.

Dort arbeitete sie bis zu ihrem Abschied 2016 zuletzt als Regierungsrätin und stellvertretende Amtsleiterin am Finanzamt Schwetzingen in der Nähe von Heidelberg. Doch Rohde wollte nach Berlin. „Da kam die Möglichkeit, im Rahmen einer Abordnung ans BMF zu wechseln, wie gerufen“, erinnert sie sich. Heute arbeitet Rohde im Referat IV A 3 und kümmert sich da eben auch um die verfahrensrechtliche Umsetzung internationaler Vereinbarungen in deutsches Steuerrecht. „Dass wir hier Gesetze mitgestalten und so ganz nah dran sind, hat mich überzeugt, zu bleiben.“ Dabei gibt es durchaus auch Situationen, wo Rohde auch nach außen als Interessenvertreterin des Staates auftritt: „Vor kurzem habe ich zu der Frage, ob Steuerbescheide für vorinsolvenzliche Besteuerungszeitpunkte auch nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens bekannt gegeben werden können, als Vertreterin des BMF vor dem Bundesfinanzhof plädiert, das war eine tolle Erfahrung“, sagt sie.

Rohde und Greil sind Teil der sogenannten Abteilung IV, der „Steuerabteilung – direkte Steuern“. Diese „befasst sich mit nationalen und internationalen Fragen der Steuerpolitik und ist zuständig für die nationale Steuergesetzgebung. Darüber hinaus verhandelt die Abteilung weltweit Abkommen zur Vermeidung der Doppelbesteuerung und koordiniert die verfassungsrechtlich gebotene Abstimmung aller steuerlichen Fragen mit den obersten Finanzbehörden der Länder“, wie es auf der Webseite des Ministeriums heißt.

Ausgenommen ist dabei die nationale und internationale Umsatzsteuer – sie wird in Abteilung III (Zoll, Umsatzsteuer, Verbrauchsteuern) bearbeitet. Oberste Chefin hinter Finanzminister Christian Lindner – das heißt Staatssekretärin für Zoll, Steuern und föderale Finanzbeziehungen – ist seit dem Regierungswechsel 2021 Prof. Dr. Luise Hölscher, die die Nachfolge von Dr. Rolf Bösinger antrat. Hölscher gilt als absolute Fachfrau für Steuerfragen. Die Abteilung IV selbst wird seit 2018 von Dr. Rolf Möhlenbrock geleitet – der den politischen Wechsel in Berlin unbeschadet überstanden und seinen Posten auch nach der Wahl behalten hat. Unterteilt ist die Abteilung IV in insgesamt drei Unterabteilungen, unter denen wiederum je acht Referate hängen, die sich mit allen denkbaren Themen von der Abgabenordnung über die Finanztransaktionssteuer bis zur Wohnungsbauprämie befassen. Insgesamt leistet sich das BMF rund 230 Mitarbeiter für die Abteilung IV.

Das Gehalt kann sich sehen lassen

Zwei davon sind Greil und Rohde – und bereut haben sie es bislang nicht. „Das Vorurteil ‚Behörde‘ greift wirklich gar nicht. Die Aufgaben sind superspannend und es gibt ein sehr kollegiales und motivierendes Umfeld“, meint Rohde, „das BMF als Arbeitgeber bietet eine Menge.“

Das heißt einerseits ein konkurrenzfähiges Gehalt: Ein Beamter steigt in der Gehaltsstufe A 13 ein, das heißt nach Besoldungstabelle 2022 mit einem Bruttogehalt von knapp 4.600 Euro bei Einstellung, Tendenz mit den Jahren natürlich steigend. Eine Ministerialzulage und Familienzuschläge gibt es zusätzlich. Zum anderen punktet das BMF bei Greil und Rohde vor allem mit der Flexibilität: Die 40 Arbeitsstunden in der Woche können je nach anstehender Arbeit frei verteilt werden, nur zwei Stunden täglich sind Pflicht. Sogar die bis vor einer Weile bestehenden Kernarbeitszeiten wurden abgeschafft. Die tatsächliche Arbeitsbelastung kann jedoch durchaus sehr unterschiedlich sein, meinen Eva Rohde und Stefan Greil:

„Es gibt schon Themen mit sehr kurzen Fristen, wo man schnell und koordiniert mit anderen Kollegen zusammenarbeiten muss. Auf der anderen Seite habe ich im Ministerium schon eine gewisse Planbarkeit“, so Rohde. „Wichtig ist, dass alles so organisiert ist, dass in den einzelnen Referaten immer ein Ansprechpartner bei Rückfragen zur Verfügung steht“, ergänzt Greil.

Auch in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat das BMF zuletzt weiter aufgesattelt. Auf dem Gelände des Ministeriums an der Wilhelmstraße gibt es seit Sommer 2020 eine hauseigene Kindertagesstätte mit 20 Plätzen. Für die Notbetreuung hält das Ministerium Eltern-Kind-Büros vor, es gibt einen Familienservice sowie zahlreiche Angebote zur Gesundheitsvorsorge. Die hauseigene Bundesfinanzakademie sorgt vor allem in den ersten fünf Jahren für die nötige Aus- und Weiterbildung, in jährlichen Gesprächen wird die berufliche Weiterentwicklung besprochen. Die muss auch nicht zwingend in Berlin oder Bonn weitergehen – immer wieder wechseln Referenten auch an eine deutsche Botschaft ins Ausland.

Kritikresistenz

Für all diese Benefits muss man jedoch auch ein gesundes Maß an Kritikfähigkeit mitbringen. Über kaum etwas wird (neben dem Bundeszentralamt für Steuern) in der Branche so leidenschaftlich gemeckert wie über das BMF. Die Schreiben des Ministeriums seien wahlweise zu ungenau, zu detailliert, zu früh, zu spät, zu widersprüchlich, sowieso voller Fehler und in der Praxis kaum anwendbar. Die Gesetze: Immer nur Klein-Klein statt großer Wurf. Die Abgabenordnung – sowieso veraltet und überhaupt nicht auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ausgerichtet. Und überhaupt, bis mal eine Richtlinie umgesetzt wird, brauche es eh viel zu lange.

Tatsächlich bekleckert sich das BMF da – zumindest aus Sicht der Beraterschaft und der Interessenvertretungen – nicht immer mit Ruhm. Beispiel ATAD-Umsetzungsgesetz: Eigentlich wäre die Umsetzung der Steuervermeidungsrichtlinie in die Abgabenordnung Ende 2019 schon längst fällig gewesen, doch die ließ auf sich warten. Bis kurz vor Weihnachten der Referentenentwurf doch noch kam – und den Interessenvertretungen nur drei Tage für eine Stellungnahme blieben. So sei eine „gründliche fachliche Befassung innerhalb von weniger als drei Tagen nicht möglich, und sofern eine Einbindung der deutschen Wirtschaft zukünftig weiter ernsthaft in Betracht gezogen werden soll, müssen wieder ausreichende Stellungnahmefristen eingeführt werden“, wurde BDI-Steuerchefin Dr. Monika Wünnemann seinerzeit auf LinkedIn bemerkenswert deutlich. Der Ärger war komplett, als wenige Wochen später der Entwurf, für den alle noch hektisch Stellungnahmen verfasst hatten, schon wieder vom Tisch war. Und auch in Sachen Cum-ex und seiner Aufarbeitung hat das Ministerium bislang eine eher wenig rühmliche Rolle gespielt.

Solche Themen gehen auch an Stefan Greil und Eva Rohde nicht spurlos vorüber. „Wenn aus der Beraterschaft und den Verbänden wirklich konstruktive Kritik und Hinweise auf Fehler kommen, bin ich sehr dankbar und greife das auch auf,“ sagt Greil. „Es kann ja durchaus sein, dass wir etwas nicht beachtet haben oder es sich im Praxistest als untauglich erweist. Aber es gibt auch die Fälle, in denen scheinbar ein pauschales Bashing betrieben wird. Man hat dann das Gefühl, da geht es nicht mehr um den Sachverhalt. Das wird dann auch entsprechend gewürdigt.“

Politischen Einfluss auf ihre Arbeit erleben Greil und Rohde nach eigener Aussage im BMF nicht. Das Klischee, dass jeder neuer Finanzminister erst einmal das gesamte Personal austauscht und mit willfährigen Komplizen besetzt, greift auf der Referentenebene anscheinend nicht.

„Natürlich ist es so, dass die so genannten ‚politischen Beamten‘ – das sind zum Beispiel beamtete Staatssekretärinnen und -sekretäre oder Ministerialdirektorinnen bzw. -direktoren – das Vertrauen der jeweiligen politischen Leitung genießen müssen. Da kann es schon vorkommen, dass jemand nach einem Regierungswechsel in den einstweiligen Ruhestand versetzt wird. Das kann, muss sich aber auf einen selbst nicht auswirken“, erklärt Greil.

Und so dürften die beiden noch eine ganze Weile im BMF bleiben – denn von sich aus gehen, das wollen sie nicht.

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