Chancenreich

Seitenwechsel

Für Diplom-Finanzwirte scheint der Weg vorgezeichnet – Laufbahn in der Finanzverwaltung, mit einem Jurastudium kann man noch den höheren Dienst draufsatteln. Doch auch Beratungsgesellschaften setzen auf den gut ausgebildeten Nachwuchs. Denn dieser kommt mit steuerlichem Know-how und besten Kontakten. Doch der Schritt will wohlüberlegt sein.

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Illustration: Andreas Anhalt // Adobe Stock

Ein Post-it änderte für Miriam Henschel 2006 alles. Die damals 27-Jährige hatte gerade ihr Jurastudium abgeschlossen, als ihr Sachgebietsleiter ihr einen Zettel zuschob: „Darauf standen die Kontaktdaten von KSB Intax, das sei vielleicht eine interessante Kanzlei für meine Referendariatsstation.“ Henschel meldete sich dort.

Partnerin bei KSB Intax: Miriam Henschel

Das Post-it war der Start in eine Laufbahn, an die sie bis dahin gar nicht gedacht hatte. Denn Henschel ist der Hannoveraner MDP-Kanzlei KSB Intax bis heute treu geblieben – hat dort nach dem Referendariat noch den Steuerberatertitel und den Fachanwalt für Steuerrecht draufgesattelt und es schlussendlich bis zur Partnerin gebracht. Neben der laufenden steuerlichen Beratung beschäftigt sich Henschel heute vor allem mit Steuerstrukturierung, Steuerstreitverfahren und M&A-Transaktionen.

Allerdings: Am Anfang von Henschels Laufbahn sah es gar nicht danach aus, als würde sie Karriere als Beraterin machen. Vielmehr hatte sie zuvor ein duales Studium an der Fachhochschule Rinteln absolviert – der Kaderschmiede für die niedersächsische Finanzverwaltung. Auch da war Henschel seinerzeit eher zufällig gelandet, und sie merkte schnell, dass ihr „das Absitzen im gehobenen Dienst“ – wie sie heute sagt – gar nicht so lag. Den Weg aus dem Dilemma sollte zunächst das Jurastudium bieten. „Ich hatte das Studium in Hannover eigentlich begonnen, um dann in den höheren Dienst in die Finanzverwaltung zurückzukehren“, erinnert sich Henschel. Neben dem Studium arbeitet sie weiter in der Verwaltung. Der Weg in der Finanzverwaltung schien also vorgezeichnet. Bis zu besagtem Post-it.

Eigentlich andere Pläne

Auch Michele Iacci hatte zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn eigentlich nicht an eine Karriere als Berater gedacht – dies aber auch nicht kategorisch ausgeschlossen. Nach dem Abitur wollte der heute 25-Jährige etwas Rechtliches studieren und entschied sich für das duale Studium zum Diplom-Finanzwirt in Hamburg. Ein Schritt, den Iacci bis heute nicht bereut:  „Natürlich war ich am Anfang aufgeregt“, erinnert sich Iacci, „und ich habe schnell festgestellt, dass das Studium bei der Finanzverwaltung ganz anders aufgebaut ist als an einer normalen öffentlichen Universität. Aber es war aus meiner Sicht sehr gut strukturiert: Wir haben uns zunächst intensiv mit der Theorie beschäftigt und sind dann nach den jeweiligen Theoriezeiten in die Praxis gewechselt, in der wir unsere Kenntnisse anhand von echten Fällen vertiefen konnten.“ Für ihn im dualen Studium besonders spannend: die Praxiszeiten bei der Konzernbetriebsprüfung und in der Rechtsbehelfsstelle. „Positiv war zudem, dass es für die bearbeiteten Fälle direkt ein Feedback gab“, so Iacci.

Doch obwohl er bei der Finanzverwaltung eigentlich sehr zufrieden war: Unter anderem in den Praxisphasen kam Iacci dann in Kontakt zu den Beratern und stellte fest, dass ihn diese Arbeit auch und schlussendlich mehr reizte: „Ich hatte eine lehrreiche Zeit bei der Finanzverwaltung, das ist ein toller Dienstherr gewesen. Doch irgendwann muss man sich fragen, was man langfristig machen möchte. Und ich fand die Beraterseite auch superspannend – die haben auf höchstem Niveau die Fälle und Gestaltungen erstellt, die wir dann in der Finanzverwaltung geprüft haben. Und die Berater waren sehr tief in den Themen drin.“

Erfahrung aus der Verwaltung hilft

Nur gute Erinnerungen: Michele Iacci arbeitet jetzt bei PwC

Das hat Iacci nachhaltig beeindruckt und so wechselte er schließlich zu PricewaterhouseCoopers (PwC), zunächst ins Düsseldorfer und im Sommer 2021 ins Hamburger Büro.

Die Erfahrungen aus der Finanzverwaltung haben dabei weder Iacci noch Henschel im Weg gestanden, ganz im Gegenteil: „Die fachliche Vorbildung aus der Finanzverwaltung und die Arbeitstechniken, die ich mir im Jurastudium angeeignet habe, haben mir beim Start sehr geholfen“, erinnert sich Henschel. „Natürlich musste ich meine fachlichen Kenntnisse an einigen Stellen noch vertiefen, ich denke das ist bei fast jedem Absolventen in der Steuerberatung der Fall. Aber die Grundlagen und auch schon teilweise deutlich tiefergehende fachliche Kenntnisse waren durch das duale Studium in der Finanzverwaltung auf einer recht soliden Basis bereits vorhanden“, bestätigt auch Iacci. Den fachlichen Kenntnissen konnte er durch die Tätigkeit bei PwC, einen nach der Finanzverwaltung anschließenden dualen Masterstudiengang und der Vorbereitung auf das Steuerberaterexamen den letzten Schliff geben. Mit 24 Jahren absolvierte er dann erfolgreich den Masterstudiengang und das Steuerberaterexamen.

Kulturschock in den Kanzleien

Der Wechsel in die Beraterschaft war für beide trotzdem eine große Umstellung. Eine von Henschels ersten Aufgaben: die steuerlichen Folgen eines Earn-outs bei einem Unternehmenskauf beurteilen. „Ich musste erstmal nachschauen, was überhaupt ein Earn-out ist“, lacht Henschel rückblickend. Aber auch kulturell änderte sich für die Beraterin einiges. Die größte Umstellung dabei war der Umgang mit Mandanten – pointierte E-Mails statt lange Vermerke, Lösungen finden, auch wenn es auf den ersten und manchmal auch auf den zweiten Blick keine zu geben scheint. Trotzdem hat sie den Schritt nicht bereut: „Ich hatte ja keine Ahnung, wie kreativ das Steuerrecht sein kann“, schwärmt sie noch heute. Doch einen Kulturschock gab es schon: „In der Finanzverwaltung prüft man einen Sachverhalt, in der Beraterschaft schafft man diesen Sachverhalt. Das ist eine völlig andere Sichtweise auf das Steuerrecht.“

Für Iacci waren es Themen wie Zeit und Projektmanagement, die bei dem Wechsel in die Beraterschaft eine Herausforderung waren: „Als Berater müssen wir uns streng an die Fristen halten und oft mehrere große Projekte gleichzeitig koordinieren, das hat man naturgemäß in der Finanzverwaltung nicht in diesem Ausmaß.“

Henschel ist derweil als Partnerin heute selbst auf der Suche nach steuerlich qualifiziertem Nachwuchs – und sucht dabei ganz gezielt nach Talenten aus der Finanzverwaltung. KSB Intax setzt schon seit Jahren konsequent auf Diplom-Finanzwirte, in der Regel in Kombination mit einem Jurastudium: Aktuell haben fünf von zehn Mitarbeitenden aus dem Kernteam ihre ersten beruflichen Schritte in der Finanzverwaltung gemacht.

Dass die MDP-Kanzlei so gezielt auf Diplom-Finanzwirte setzt, hat einen weiteren Grund: Die steuerliche Ausbildung wurde gerade in Norddeutschland in den vergangenen Jahren sukzessive zurückgefahren. An der Leibniz-Universität Hannover gibt es keinen Steuerrechtslehrstuhl, der renommierte LL.M. Tax in Osnabrück wurde vor Kurzem eingestellt. Auch im nahe gelegenen Hamburg sieht es an der Universität nicht besser aus. „In der Regel kommen zu uns Menschen, die während ihrer Ausbildung festgestellt haben, dass die Verwaltung nicht ihr Weg ist“, erzählt Henschel.

Gute Chancen in der Beratung

Für die Beratungshäuser sind diese dann die idealen Kandidaten: Sie bringen sowohl das steuerliche und rechtliche Rüstzeug, als auch Kontakte in die Finanzverwaltung mit. KSB versucht zum Beispiel, auf Karrieremessen mit Interessierten ins Gespräch zu kommen. Für die Finanzverwaltung sind solche Abgänge wiederum immer ein Schlag – obwohl die Wechsel durchaus im System eingepreist sind. Denn die Pensionierungswelle rollt an, zahlreiche Stellen dürften, auch trotz der in der Finanzverwaltung fortschreitenden Digitalisierung, bald fehlen. Die Finanzverwaltung versucht daher schon seit Längerem, als Arbeitgeber noch attraktiver zu werden, beispielsweise durch mehr Stellen, verbesserte Work-Life-Balance oder das Talentförderungsprogramm des Landes NRW. Doch bei Themen wie Gehalt und der Förderung des Steuerberatertitels stößt die Finanzverwaltung an Grenzen. Der Wechsel in die Beraterschaft sollte keinesfalls ein Selbstzweck sein oder nur aus finanziellen Gründen erfolgen. Vielmehr sollte man sich den Schritt in die Beratung wirklich gut überlegen, betont Michele Iacci: „Es ist typenabhängig, ob man in der Finanzverwaltung oder in der Beraterschaft gut aufgehoben ist.“  

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