Grundsteuererklärungen

Grundverschiedene Erfahrungen zur Halbzeit

Sechs Wochen vor Fristende ziehen Deutschlands Steuerberater eine höchst unterschiedliche Bilanz zur Grundsteuerreform. JUVE Steuermarkt hat eine Auswahl von MDP-, Next-Seven- und Big-Four-Gesellschaften zu ihren bisherigen Erfahrungen mit der umstrittenen Steuer befragt. Einig sind sich aber fast alle in zwei Dingen: Die Zeit reicht nicht und der Weg ist viel zu bürokratisch.

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Nahezu alle von JUVE Steuermarkt befragten Berater kritisieren die gleichen Punkte: Die Frist sei viel zu knapp bemessen, Art und Weise des Ablaufs viel zu bürokratisch, es sei zu wenig und zu spät digital umgesetzt worden und vor allem überfordere die Pflicht, alle Informationen selbst zusammenzusuchen, die Mandanten. Aber es gibt auch Unterschiede in den Feedbacks. 

Erhebliche Verstimmung bei Mandanten

„Gerade Mandanten mit umfangreichem Grundbesitz – teilweise in unterschiedlichen Regionen und damit bundesweit verteilt – sind durch die notwendige Vielzahl bzw. den Umfang an Feststellungserklärungen in sehr kurzer Zeit teilweise stark belastet. Nur wenige Mandanten nehmen die Verpflichtung zur Erklärungsabgabe als gegebenes, notwendiges Übel hin“, berichtet Senior Managerin Martina Hermes von Dr. Kleeberg & Partner in München. Die Rechtsanwältin und Steuerberaterin leitet das Team, das bei der MDP-Kanzlei das Thema Grundsteuer betreut.

Martina Hermes

Besonderer Ärger werde von sehr vielen Mandanten darüber geäußert, dass die Aufgabe der Datenbeschaffung, Datensortierung und Erklärungserstellung den Steuerpflichtigen aufgebürdet worden sei, so Hermes weiter. „Diverse Mandanten kritisieren, dass sie in kürzester Zeit die Daten zusammenstellen und die Erklärungen erstellen müssen, die erstmalige Erhebung der Grundsteuer auf Basis der aktuell einzureichenden Erklärungen dann aber erstmals zum 1.1.2025 erfolgt.“ Dies werde als ungerecht empfunden. Es herrsche eine „erhebliche Verstimmung“, so Hermes.

Dr. Kleeberg & Partner in München ist als eine der großen bayerischen Steuerberatungen vor allem bekannt für ihre bundesweite Betreuung von Großgrundbesitzern, die auch umfangreiche Flächen in forstwirtschaftlicher, aber auch landwirtschaftlicher Nutzung unterhalten. „Insgesamt herrscht eine hohe Unsicherheit bei Fristen und technischem Vorgehen“, sagt Hermes. „Wir gehen davon aus, dass eine umfassende Fristverlängerung unumgänglich sein wird.“

Föderaler Flickenteppich

Grundbesitzende mit Grundstücken in verschiedenen Bundesländern müssen sich mitunter gleich mehreren verschiedenen Berechnungsmethoden zur Wertberechnung ihrer Grundstücke stellen: Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und das Saarland verwenden jeweils Berechnungsmethoden, die von denen des Bundes abweichen. Und sie sind auch untereinander verschieden. Dies kritisiert Steuerpartner Georg Kessler von der baden-württembergischen MDP-Kanzlei RWT Reutlinger Wirtschaftstreuhand: „An der Grundsteuerreform lässt sich – wieder einmal – erkennen, wie bürokratisch die Gesetzgebung in Deutschland ablaufen kann.“ Die Auseinandersetzungen über die Gesetzgebungskompetenzen bei der Reform der Grundsteuer hätten zu einem Flickenteppich verschiedenster Steuersystematiken geführt. „Dies ist unbefriedigend vor allem für die Beraterschaft, die aufgrund der zusätzlichen Aufgaben im Rahmen der Corona-Pandemie schon viele Kapazitäten gebunden hat.“ Die Fristen seien daher wesentlich zu kurz bemessen.

Schlechtes Timing

Richard Isinger

Daher ist die Kritik am Timing nicht nur eine Kritik an der Länge der Erklärungsfristen von vier Monaten, sondern auch an der zeitlichen Lage des Erklärungszeitraums vom 1. Juli bis zum 31. Oktober. „Das ganze Thema nimmt in unserem Mandantenkreis gerade erst Fahrt auf, da viele Mandanten die Sommerpause für andere Themen genutzt haben und auch die Anschreiben der Finanzverwaltung zum Teil erst jetzt bei den Mandanten eingehen“, sagt Richard Isinger von der Hamburger MDP-Kanzlei Möhrle Happ Luther. Die Lage der Abgabefrist mitten während der Urlaubssaison kritisiert auch Kessler von RWT. Abläufe hätten sich dadurch erheblich verzögert. Nicht nur bei den Beratern und Steuerpflichtigen, sondern auch beim Finanzamt bis hin zu den Herstellern und Programmierern der diversen Tools, die mittlerweile auf dem Markt sind. Der Erklärungszeitraum zur Grundsteuer überschnitt sich zudem mit der letzten Frist zur Abgabe der Steuererklärungen für das Jahr 2020, die am 31. August ablief.

Entspannteres Handling bei den Next Seven und Big Four

Jürgen Lindauer

Bei allem Einklang in der Kritik – die großen Beratungen bewerten die Herausforderungen der Grundsteuerreform jedoch als deutlich handhabbarer als das Mittelfeld der Steuerberatungen. 
Dafür haben sie auch Spezialteams in nicht unerheblicher Größe aufgestellt: Allein bei KPMG arbeiten bundesweit an dem Thema 6 Partner bzw. Direktoren, 20 Manager und rund 100 fachliche Mitarbeiter. Hinzu kommt die technische Unterstützung beim Datenimport durch das Shared Delivery Center der Big-Four-Gesellschaft an den Standorten Leipzig und Essen, berichtet der federführende Frankfurter Director Jürgen Lindauer. Auch das verwendete Tax-Tech-Tool „KPMG Grundsteuer Digital“ ist eine Eigenentwicklung aus der Softwareschmiede des Head of Tax Innovation & Technology, dem Düsseldorfer Partner Christian Stender. Big-Four-Konkurrentin PricewaterhouseCoopers (PwC) hat ebenfalls ein interdisziplinär besetztes Center of Excellence (CoE) für die Grundsteuer geschaffen. Neben Steuerexperten und Tax-Tool-Spezialisten sind auch Architekten und Bauingenieure Teil des Teams, das von der Frankfurter Direktorin Carolin Babel geleitet wird. 

Heinrich Fleischer

Die Datenaufbereitung stellt auch für die großen Beratungen neben den steuerrechtlichen Fragestellungen die größte Hürde dar. „Mit zunehmender Komplexität der wirtschaftlichen Einheiten sowie der Berücksichtigung verschiedener Modelle bedarf es vor der Deklaration des Aufbaus eines geordneten bzw. strukturierten Datenmanagements des Grundvermögens im ERP-System“, sagt der federführende Partner von Ernst & Young (EY), Heinrich Fleischer. „Das zentrale Datenmanagement gestaltet sich unseres Erachtens als größte Herausforderung“, so der EY-Partner. Auch der federführende Mazars-Partner Bernd Schult berichtet von ganz ähnliche Erfahrungen: „Viele Grundbesitzeigentümer berichten, dass sie oftmals wegen fehlender Daten Schwierigkeiten haben, eine Steuererklärung abzugeben.“

Tax Technology als Schlüssel

Bernd Schult

Eigenentwickelte Grundsteuertools können hier helfen. Neben den Big-Four-Gesellschaften hat auch Mazars‘ Tax-Technology-Team unter dem Münchner Partner Christian Würschinger ein solches Tool entwickelt: „Das Grundsteuertool arbeitet mit einer vorgelagerten Daten- und Systemanalyse, welche vorhandene Datenquellen zu den jeweiligen wirtschaftlichen Einheiten speichert“, berichtet Schult. Die Folge sei ein vereinfachter Erklärungsprozess. Gelingt dieser, fällt auch die Mandantenreaktion gelassener aus: „Die Mandantschaft ist überrascht und erfreut, was möglich ist. Sie ist aber auch schockiert, wie wenig einheitlich der Prozess in den Bundesländern ist und enttäuscht über die kurze Frist“, fasst der Kölner Deloitte-Partner Sven Roth seine Erfahrungen zusammen. 

Kristiina Coenen

Dennoch haben die Big-Four-Gesellschaften Forderungen an die Politik: „Digitalisierung darf keine Einbahnstraße sein. Wir liefern digital und erwarten dann auch, dass die Bescheide digital in einem elektronisch verarbeitbaren Format zurückkommen. Die Politik muss die Digitalisierung der Finanzverwaltung vorantreiben“, fordert Deloittes Tax-Tech-Expertin im Grundsteuerteam, die Düsseldorfer Direktorin Kristiina Coenen. EY-Partner Fleischer haut in eine ähnliche Kerbe: „Im Rahmen der Grundsteuerreform wäre es begrüßenswert gewesen, wenn die Steuerpflichtigen eine Vielzahl an Immobiliendaten hätten digitalisiert abrufen können.“

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