Das Gespenst der Private-Equity-Investoren, die den deutschen Steuermarkt übernehmen, macht seit eineinhalb Jahren die Runde. Das Bundesfinanzministerium und die Bundessteuerberaterkammer (BStBK) haben sich früh gegen den Einstieg von Finanzinvestoren in den deutschen Steuerberatungsmarkt ausgesprochen, der Bundestag hat kürzlich im 9. Steuerberatungsänderungsgesetz klargestellt, dass es im Steuermarkt ein striktes Fremdbesitzverbot gibt.
Faktisch wirkt das Gesetz wie eine Verschärfung des bisherigen Berufsrechts. Danach soll grundsätzlich ausgeschlossen sein, dass sich Finanzinvestoren über Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Luxemburg, den Niederlanden oder Belgien mittelbar an deutschen Kanzleien beteiligen, die ihrerseits Anteile an der jeweiligen EU-Auslandsgesellschaft halten.
Soweit die rechtliche Situation. Doch wie sieht es tatsächlich im deutschen Steuerberatungsmarkt aus?
Von wirtschaftlich irrelevant…
Glaubt man der Bundesregierung, ist das Phänomen – oder Problem, je nach Lesart – einer flächendeckenden Verbreitung von Private-Equity-Investoren im Steuermarkt praktisch nicht vorhanden. Das überrascht, denn die Bundesregierung hat sich ja gegen Private Equity im Markt ausgesprochen. Wie dem auch sei: Ihr waren in diesem April „57 steuerberatende Berufsausübungsgesellschaften bekannt, die solche Beteiligungsstrukturen aufweisen“, wie die Regierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag mitteilte. Nimmt man für jede dieser Steuerberatungsgesellschaften rein theoretisch einen Umsatz von 10 Millionen Euro an, wären also Umsätze von 570 Millionen betroffen – das entspricht etwa 1,5 Prozent des gesamten deutschen Steuermarktes, den die Kanzleiberatung Van Matterhorn auf 37 Milliarden Euro taxiert.
… bis überragend relevant
Andere Marktanalysten gehen viel weiter. So verbreitet der Tax-Tech-Insider und Taxdoo-Gründer Dr. Roger Gothmann die Zahl von zwei Milliarden Euro, die Private-Equity-Gesellschaften im Steuermarkt investieren würden. Zudem beruft er sich auf Schätzungen, nach denen „bereits 15 bis 20 Prozent der Steuerkanzleien Beteiligungen aufgenommen“ haben oder „entsprechende Optionen“ prüften. Danach würden also auf absehbare Zeit 7,4 Milliarden Euro des hiesigen Steuermarktes von Kanzleien erwirtschaftet, die Private-Equity-gestützt sind.
Fantasiezahlen oder mehr?
Beide Zahlen sind indes kaum mit der Realität in Einklang zu bringen.
Nach Recherchen von JUVE Steuermarkt ist die Einschätzung der Bundesregierung nicht nachvollziehbar. Sie geht von 57 steuerberatenden Berufsausübungsgesellschaften aus – aber warum?
Zählt man die 37 Gesellschaften, die Afileon als das größte PE-gestützte Haus hierzulande aktuell als seine Partnerkanzleien angibt, und alle anderen bekannten Partnerkanzleien von PE-gestützten Gesellschaften schnöde zusammen, kommt man nur auf rund 50 Einheiten – darunter allerdings auch Dickschiffe wie die Steuerberatungsgruppe WTS mit ihrem Investor EQT. WTS wäre nach Zählweise der Bundesregierung wohl aber auch nur eine Berufsausübungsgesellschaft, selbst wenn sie auf einen Umsatz von mehr als 250 Millionen Euro kommt.
Würde man hingegen die 970 deutschen Kanzleien hinzuzählen, die allein die Steuerberatungsgruppe ETL umfasst, wäre die Zahl 57 viel zu niedrig. Bei ETL hat der Finanzinvestor KKR „die Nachfolgeregelung finanziell unterstützt“, wie ETL-Manager Martin Lehmann im vergangenen Jahr der Börsen-Zeitung verriet. In gewisser Weise ist also auch bei ETL mit ihrem Umsatz von knapp 1,6 Milliarden Euro Private Equity an Bord, wenn auch nicht in der Art und Weise, die die Bundesregierung eigentlich meint.
Ergo: Gesellschaften einfach zu zählen, um daraus etwas abzuleiten, scheint nicht zielführend.
Doch auch Gothmanns Zahlen kann JUVE Steuermarkt nicht nachvollziehen – öffentlich belegbar sind PE-gestützte Umsätze von fünf oder sieben Milliarden Euro jedenfalls nicht.
Wie viel Umsatz ist belegbar?
JUVE Steuermarkt hat sich für seine Umsatzschätzung dagegen auf die Gesellschaften beschränkt, bei denen heute öffentlich bekannt ist, dass sie über eine mittelbare gesellschaftsrechtliche Beteiligung mit einem Finanzinvestor verbunden sind oder in Kürze sein werden. Die größte von ihnen ist Afileon, die Ende des Jahres rund 300 Millionen Euro mit ihren Partnerkanzleien umsetzen will. Das kleinste Haus dürfte die Münchner Kanzlei WZT mit einem maximal mittleren einstelligen Millionen-Euro-Umsatz sein.
Afileon kommt nach eigenen Angaben zurzeit auf 37 Partnerkanzleien mit 83 Standorten und hat 2025 rund 210 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Folgt man der Prognose, dürfte die Gesellschaft Ende 2026 für einen Gesamtumsatz von 300 Millionen Euro stehen.
Hervorzuheben ist bei Afileon, dass sich auf der Plattform einige namhafte Akteure befinden, darunter die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Dr. Knabe. Der umtriebige Potsdamer Berater Prof. Dr. Stephan Knabe ist auch Mitbegründer der Deutsche ReGas, welche die LNG-Terminals in der deutschen Ostsee aufgebaut hat. Partnerkanzleien von Afileon sind zudem etwa die bekannte Kölner Steuerstrafrechtskanzlei LHP sowie Rose Brösicke, deren Gründer Dirk Rose Präsident der Steuerberaterkammer Sachsen ist und bis zum Beitritt zu Afileon auch Vizepräsident der BStBK war.
Die nach JUVE-Umsatzprognose zweitgrößte von Investoren gestützte Gesellschaft ist Grant Thornton Deutschland. Sie erzielte 2025 einen Umsatz von insgesamt 264 Millionen und würde bei einem Umsatzplus von angenommenen 5 Prozent 2026 bei knapp 280 Millionen Euro liegen. Nach JUVE-Informationen ist der Einstieg des internationalen Big-Ticket-Investors Cinven zwar strategisch vollzogen, rechtlich aber noch nicht ganz finalisiert.
Auf Platz 3 folgt WTS. Im Geschäftsjahr 2024/2025 hat die Gesellschaft 254 Millionen Euro erwirtschaftet, bei einem ebenfalls rein rechnerisch angenommenen Umsatzplus von 5 Prozent läge sie 2026 bei knapp 267 Millionen Euro.
Als viertgrößte Gesellschaft dürfte Ende des Jahres Atania dastehen. Erst 2025 gegründet, könnte Atania 2026 einen Gesamtumsatz von 100 bis 125 Millionen Euro erreichen. Der größte Brocken der aktuell aus fünf Gesellschaften bestehenden Plattform entfällt dabei auf die vor allem in Bayern starke LKC-Gruppe, die sich Atania vor wenigen Monaten angeschlossen hat. LKC könnte 2026 – nach einigen aktuellen Zusammenschlüssen ihrerseits – auf geschätzte 70 Millionen Euro Umsatz kommen.
Auf den Plätzen folgen dann PKF WMS und Neuplaner. Das bereits 1931 gegründete norddeutsche PKF-Mitglied mit Stammsitz in Osnabrück verfügt über 6 Standorte und über 450 Mitarbeitende, gehört also zu den größeren mittelstandsorientierten Beratungshäusern in Deutschland.
Neuplaner ist dagegen erst 2025 gegründet worden und hat im Laufe des Jahres 2026 mit mindestens vier eher kleineren Kanzleien Ergebnisabführungsverträge geschlossen. Darunter befinden sich die Troisdorfer Megra Steuerberatung von Neuplaner-Co-Geschäftsführer Martin Grau und Noack Neuplaner aus Weinheim um Neuplaner-CEO Benjamin Esser sowie Chief Transformation Officer Melchior Neumann. Gegenüber dem Magazin Finance gab Neuplaner Ende März an, bereits über 400 Mitarbeitende zu zählen und „in ein paar Jahren Umsatzgrößen zwischen 150 und 200 Millionen Euro“ erreichen zu wollen.
In die JUVE-Prognose 2026 sind PKF WMS und Neuplaner hingegen jeweils mit einem niedrigen bis mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Umsatz eingeflossen.
Zusammengerechnet könnte sich das Umsatzvolumen der Gesellschaften 2026 danach auf 1,05 Milliarden Euro belaufen – oder anders ausgedrückt: auf 2,7 Prozent des Gesamtmarkts. Das ist spürbar. Doch eine Übernahme des Steuerberatungsmarkts durch Private Equity sieht anders aus.