Zoll und Außenhandel

„Viele sehen Zollabwicklung nur als Beiwerk“

Mangelhafte Zollprozesse sorgen häufig dafür, dass Unternehmen mögliches Einsparpotenzial nicht nutzen oder sich Haftungsrisiken aussetzen. Oft sind mangelndes Bewusstsein der Geschäftsführung oder eine defizitäre Kommunikation zwischen Zoll- und Einkaufsabteilung der Grund, meint Francine Dammholz, Geschäftsführerin der Beratungsgesellschaft Zollcoaching. Die ehemalige Zöllnerin ist seit Jahresbeginn zudem Senatorin im Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA).

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Foto: ©Adobe Stock / F: Oliver Boehmer

JUVE Steuermarkt: Frau Dammholz, im vergangenen Jahr hat der Zoll über 200 Millionen Euro Zollabgaben von Unternehmen nachgefordert – fast eine Verdoppelung im Vergleich zu 2018. Ist der Zoll strenger oder sind die Unternehmen nachlässiger geworden?
Francine Dammholz:
Auch die Zollverwaltung digitalisiert sich zunehmend. Dank des Einsatzes von Analysetools im Vorfeld der Prüfung ist die Prüfungsintensität erheblich gestiegen. Das Hauptproblem liegt aber woanders. Viele Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer sehen die Zollabwicklung nur als Beiwerk und gehen davon aus, dass Speditionen bei fehlerhaften Verzollungen auch zur Haftung gezogen werden. Ein Irrglaube, der häufig erst im Rahmen der nachträglichen Zollprüfung realisiert wird. Es ist wichtig, dass internes Zollwissen im Unternehmen vorhanden ist. Vor allem, um die Aufsichtspflichten der Geschäftsführung nachweisbar darzulegen. Sollte kein internes Zollwissen vorhanden sein und es zu Beanstandungen kommen, wird immer häufiger ein Verfahren nach §378 AO eingeleitet. Viele Mandanten finden deshalb den Weg zu uns, nachdem die Zollprüfung erfolgt ist und sich Mängel im Zollprozess offenbart haben. Nur häufig gibt es in den Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt keinen festgelegten Zollprozess. Wie im Bereich Steuern gilt jedoch: Vorsicht ist besser als Nachsicht.

Francine Dammholz

Auf welche Themen müssen sich Unternehmen im Diskurs mit den Zollbehörden und bei Zollprüfungen derzeit besonders einstellen?
Hier hat sich eigentlich nicht viel geändert. Die zwei großen Bereiche mit erhöhtem Fehlerpotenzial sind die Bestimmung der Zolltarifnummern und das Thema Zollwertrecht. Hier besteht nach wie vor immenser Schulungsbedarf. Kaum ein Unternehmen prüft die Erläuterungen zum Harmonisierten System, wenn es um die Bestimmung der Zolltarifnummern geht. Das ist jedoch ganz entscheidend. Das Kernproblem liegt weiterhin in der Zusammenarbeit der Abteilungen. Was zum Beispiel die Finanzbuchhaltung als Beleg zur Verbuchung erhält, ist häufig nicht die Rechnung, die der Verzollung zu Grunde gelegt wird.

Das Thema Lieferketten ist allgegenwärtig. Mit welchen Problemen haben die Zoll- und Logistikabteilungen am meisten zu kämpfen?
Da die überwiegende Mehrheit der Warenimporte aus China kommt, befeuern die von der chinesischen Regierung angeordneten Stromabschaltungen das ohnehin vorhandene Lieferkettenproblem zusätzlich. Viele chinesische Lieferanten dürfen derzeit nur an drei der sonst üblichen sechs Tage in der Woche produzieren. Natürlich spiegelt sich das auch in steigenden Bezugspreisen wider. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten lässt sich das Problem nur langfristig lösen. Lieferketten müssen analysiert und neu bewertet werden, denn in der Warenbeschaffung mit anderen Ländern liegt viel Einsparpotenzial. Weltweite Handelsabkommen sorgen für eine Reduzierung der Zölle, häufig sogar auf Null. Vielen Einkäufern sind diese Möglichkeiten jedoch gar nicht bewusst, was oft an der ungenügenden Kommunikation mit der Zollabteilung liegt.

Was kommt auf die Unternehmen zu, wenn Großbritannien wie angekündigt 2022 vollständige Zollkontrollen einführt?
In Zukunft wird auch der Warenverkehr mit Großbritannien als Drittland einer nachträglichen Zollprüfung unterzogen werden können. Das Risiko von nachträglichen Verteuerungen der Waren aufgrund von Zollnacherhebungen ist vorhanden, wenn der Warenursprung nicht nachgewiesen werden kann. Innerhalb der Lieferkette kann es zu doppelten Verzollungen kommen. Einmal beispielsweise für den Warenimport aus China in das deutsche Zentrallager und dann wiederum beim Verkauf an den britischen Kunden. Es gibt zollrechtliche Bewilligungen, die dieses Problem lösen, jedoch kostet auch die Implementierung eines Zolllagers Geld und Ressourcen. Manchmal ist es daher wirtschaftlich sinnvoller, die doppelte Verzollung in Kauf zu nehmen. Das Jahr 2022 wird zeigen, in welchem Umfang die lange angekündigten Zollkontrollen an britischen Häfen tatsächlich realisiert werden, oder ob es beim derzeitigen Pragmatismus bleibt. Sollten Dokumente unvollständig sein und Standards nicht eingehalten werden, kann es wie bei jedem Import in die Europäische Union zu Lieferverzögerungen und gegebenenfalls notwendigen Nachbesserungen kommen.

Welche weiteren zentralen Herausforderungen sehen Sie im kommenden Jahr für die Zoll-Inhouse-Abteilungen?
Die Optimierung der Abläufe innerhalb des Unternehmens bleibt die zentrale Herausforderung. Das Risiko von Verfehlungen im Zollbereich und den haftungsrechtlichen Konsequenzen wird auf Ebene des Managements immer noch viel zu sehr unterschätzt. Manchmal muss es erst zu einer Zollprüfung mit erheblichen Mängeln kommen, bis sich diese Einstellung ändert. Generell ist der Zollverantwortliche ständig damit beschäftigt, Informationen nachzulaufen. Beispielsweise, wenn die vom asiatischen Lieferanten veranschlagten Werkzeugkosten wieder einmal direkt an die Finanzbuchhaltung geleitet wurden, ohne dass der Zollverantwortliche hiervon erfahren hat. Der Belegfluss ist also ein weiteres großes Thema, das sich zunehmend zum Risiko entwickelt. Aus Zollsicht bleiben mögliche Einsparpotentiale häufig nur schöne Ideen, da es vielfach an den nötigen internen Prozessen fehlt.

Das Gespräch führte Stephan Mittelhäuser.

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